bedeckt München 28°

Hof/Rehau:Autonome Busse in Oberfranken

Bitte einsteigen in den fahrerlosen Mini-Bus. Ein sogenannter Operator ist jedoch sicherheitshalber an Bord.

(Foto: SMO)

Modellprojekt startet im öffentlichen Nahverkehr

Von Felix Schwarz, Hof/Rehau

Dass sich der Busfahrer Axel Thiel umstellen muss, war ihm klar. Immerhin hat er sich jahrelang auf seine neue Aufgabe als Operator in den selbstfahrenden Shuttle-Bussen vorbereiten können, die seit dieser Woche in Hof verkehren. "Das Lenkrad wurde quasi durch einen Playstation-Controller ersetzt. Jetzt macht sich das Training mit meinem Sohn an der Konsole endlich bezahlt", scherzt der 54-Jährige am Telefon. Die elektronisch betriebenen Fahrzeuge der Firma Navya fahren höchstens 18 Stundenkilometer - was jedoch aus der Sicht von Thiel nicht zu unterschätzen ist: "Mit einem Controller in der Hand kommen einem auch 18 Stundenkilometer erst mal sehr schnell vor."

Etwa zehn Personen passen in die kleinen Busse, wegen der Corona-Hygienemaßnahmen sind es aktuell nur vier. Ein Operator wie Thiel ist zurzeit noch gesetzlich vorgeschrieben: "Taucht auf der Strecke unerwartet ein Hindernis auf, und sei es nur ein Mülleimer, bleibt das Fahrzeug sofort stehen. Ich muss jederzeit in der Lage sein, zu übernehmen." Moralische Dilemmata, ob ein Fahrzeug bei einer Gefahrensituation beispielsweise auf drei Kinder oder eine ältere Frau zusteuern soll, stellen sich hierbei gar nicht: Das Fahrzeug legt einfach eine Vollbremsung ein.

"Es ist bereits in der Testphase dazu gekommen, dass ein Autofahrer einen Unfall provozierte und das Fahrzeug eine Vollbremsung hinlegte. Das ist schon wahnsinnig nervenaufreibend", beschreibt Thiel die Herausforderungen des autonomen Fahrens. Den größten Vorteil sieht der Oberfranke in der Flexibilität der kleinen Busse: "So kommt man besser durch enge Straßen. Aufgrund der Geschwindigkeit ist natürlich klar, dass sich die Fahrzeuge eher für kurze Strecken eignen." Dass autonome Busse die konventionellen komplett ersetzen, hält er für unwahrscheinlich. "Ich höre von ganz unterschiedlichen Reaktionen bei den Leuten. Aber man weiß ja nie. Ich dachte auch, dass sich die Smartphones niemals durchsetzen." Einen großen Anreiz für die Gäste gibt es bereits: Vorerst sind alle Fahrten kostenlos.

In Kronach verkehren zwei Busse auf eine Rundtour zwischen Bahnhof und der Festung Rosenberg, Touristen können ebenso einsteigen wie Einheimische. Zwei Busse sind in Hof im Einsatz und zwei in Rehau im Werksverkehr der Rehau AG für die Beschäftigten. Im Lauf des Jahres könnten die Shuttles auch dort im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden.

Beteiligt an dem Modellprojekt sind neben den Städten die Landkreise Hof und Kronach, welche die Routen auswählen und vorbereiten. Den Fahrgastbetrieb verantworten die DB Regio Bus und die Rehau AG. Valeo aus Kronach und die Berliner Mobilitätsberatung Nuts One sind ebenfalls beteiligt. Zwölf Millionen Euro der Kosten von insgesamt 15,3 Millionen Euro übernimmt das Bundesverkehrsministerium. Die Hochschulen in Hof und Coburg sowie die Universität in Chemnitz begleiten das Projekt wissenschaftlich. Bald werden Wissenschaftler Näheres darüber sagen können, ob sich der Playstation-Controller von Axel Thiel bewährt hat.

© SZ vom 09.06.2021
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB