Haidach:Die große Leere

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Haidach: Das von einem hohen Stacheldrahtzaun umgebene Erdgasdepot liegt im österreichischen Bundesland Salzburg und ist auch für Bayern sehr wichtig.

Das von einem hohen Stacheldrahtzaun umgebene Erdgasdepot liegt im österreichischen Bundesland Salzburg und ist auch für Bayern sehr wichtig.

(Foto: Astora/oh)

Im Salzburger Land liegt das zweitgrößte Gasdepot Mitteleuropas. Davon profitiert auch Bayern und glaubte im Krisenfall gewappnet zu sein. Doch rechtliche Unklarheiten schaffen Probleme beim Auffüllen der Vorräte. Und die sind nun fast aufgebraucht.

Von Hans-Peter Siebenhaar, Haidach

1997 geschah in Haidach ein kleines Wunder. Damals spürte die RAG, die Rohöl-Aufsuchungs-Aktiengesellschaft, mit einem Volumen von 4,3 Milliarden Kubikmetern eine der größten Erdgaslagerstätten des Landes auf. Eine Entdeckung mit Folgen bis heute - für Österreich und für Bayern.

Denn die Industrieanlage, 28 Kilometer von Salzburg entfernt, spielt eine Schlüsselrolle bei der Energieversorgung in Deutschland; insbesondere für Bayern mit seinem Chemiedreieck in Burghausen, mit Konzernen wie Wacker, BASF oder Linde um die Ecke. Haidach ist das zweitgrößte Erdgasdepot Mitteleuropas. Dort kann mehr Gas als in den anderen fünf Gasspeichern im Freistaat gelagert werden. Aber auch wenn er direkt ans deutsche Netz angeschlossen ist, geografisch liegt der Speicher nun mal im Ausland. Und da beginnen die Probleme. Denn unter der Erde von Haidach herrscht aktuell die große Leere.

Der Gasspeicher ist nach übereinstimmenden Angaben des bayerischen Wirtschaftsministeriums und des Fernleitungsnetzbetreibers Bayernets derzeit nur zu knapp sieben Prozent gefüllt. Zum Vergleich: Die anderen fünf Gasspeicher in Bayern sind aktuell zu knapp 26 Prozent voll. Experten sind sich einig, dass Deutschland und Österreich schleunigst eine Lösung für den leeren Speicher in Haidach finden müssen.

Doch das ist kompliziert. "Der Speicher Haidach fällt durch die Lage in Österreich und die alleinige Anbindung an das Gasnetz in Deutschland weder unter das Gasspeichergesetz in Deutschland noch unter die Gasreserve in Österreich. Gespräche und eine Vereinbarung zwischen beiden Ländern sind hier erforderlich", sagte Richard Unterseer, Prokurist des Fernleitungsnetzbetreibers Bayernets, der Süddeutschen Zeitung.

Das Problem ist in der Staatskanzlei angekommen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wandte sich jüngst in einem Brief an Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP). Söder will in Zusammenarbeit mit Österreich "die ausreichende Befüllung auch des Speichers Haidach sicherstellen". In Deutschland müssen nach dem neuen Gasspeichergesetz alle Gasdepots bis Anfang November zu 90 Prozent gefüllt sein. Aber die in Deutschland beschlossenen Mindestfüllmengen gelten für den Gasspeicher in Haidach nicht, denn der steht ja auf österreichischem Boden.

Dieser Gasspeicher für Deutschland in Österreich ist ein energiepolitisches Kuriosum. Vor anderthalb Jahrzehnten hat Gazprom Germania, damals noch mit der Wintershall-Tochter Wingas (seit 2015 im Besitz der Gazprom) und der RAG, den zweitgrößten Erdgasspeicher in Westeuropa gebaut. 2011 wurden seine Kapazitäten mehr als verdoppelt.

Die Anlage in Haidach sieht mit ihren vielen Rohren nicht nur komplex aus, auch ihre Besitzverhältnisse sind es. Die oberirdischen Teile gehören zu zwei Dritteln der Gazprom mit ihren Tochterfirmen Wingas (33 Prozent), Gazprom Germania (22 Prozent) und Centrex Europe Energy & Gas AG (elf Prozent) in Österreich sowie Deutschland und zu einem Drittel der österreichischen Rohöl-Aufsuchungs-Aktiengesellschaft (RAG). Die RAG, eines der größten Gasspeicher-Unternehmen Österreichs, ist für die technische Wartung zuständig. Der Boden unter der Erde gehört wiederum Österreich. "Nach österreichischem Recht ist der österreichische Staat Eigentümer des unterirdischen Hohlraums und des dort vorkommenden Erdgases", heißt es bei der Gazprom-Tochter Astra in Kassel. Dem sogenannten Bewilligungsinhaber werde jedoch das Recht eingeräumt, Erdgas in einem Speicherreservoir zu speichern.

Die Vermarktung und Befüllung liegen in der Hand von Tochterfirmen der Gazprom, deren Muttergesellschaft in St. Petersburg mehrheitlich dem russischen Staat gehört. Die abgespaltene Tochter, Gazprom Germania mit Astra, Vermarkter des Gases in Haidach, stehen seit Anfang April unter staatlicher Aufsicht der Bundesnetzagentur in Deutschland. Sie verwaltet die Energiefirmen vorerst bis September 2022 treuhänderisch.

Wie lange Russland noch Gas durch die Ukraine und Slowakei nach Österreich und Deutschland transportieren darf oder will, ist unklar. Im Gegensatz zu Österreich hat Deutschland bereits einen Notfallplan entwickelt, für den Fall, dass kein Gas mehr aus Russland ankommt. Bayern ist eines von vier Bundesländern, das mit seinem Wirtschaftsministerium im Krisenteam Gas des Bundeswirtschaftsministeriums vertreten ist.

"Es gibt aber derzeit keine Anzeichen für einen Stopp der russischen Gaslieferungen nach Deutschland", beschwichtigt ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Die Vorräte in den Gasspeichern würden steigen - die Ausnahme ist jedoch Haidach. "Wir sind derzeit mit dem Bund im engen Austausch, eine ausreichende Befüllung des Speichers in Haidach sicherzustellen", sagte der Sprecher, ohne genauere Angaben zu machen. Jedoch will man in Bayern nicht auf das Bundeswirtschaftsministerium warten, sondern auch selbst die Initiative ergreifen. Aiwanger sei auf seine Ministerkollegin in Wien, Margarete Schramböck, bereits zugegangen, bestätigte ein Sprecher.

Doch die Situation ist technisch diffizil. Ein so großer Speicher wie in Haidach lässt sich nach Angaben von Experten nicht in kurzer Zeit befüllen. "Bei maximaler Auslastung wäre der Speicher nach etwa 104 Tagen von null auf 90 Prozent, nach etwa 128 Tagen auf 100 Prozent Füllstand", sagte Netzmanager Unterseer. Angesichts der geplanten Wartungsarbeiten im September und Oktober wäre Ende Juni der späteste Zeitpunkt, um einen Füllstand von 90 Prozent zu erreichen, wie vom deutschen Gesetzgeber vorgeschrieben. Die Zweifel, ob das überhaupt gelingen kann, sind in der Energiebranche groß. "Das ist äußerst ambitioniert, vor allem wenn man bedenkt, dass die maximale Einlagerung bedeutet, dass in jeder einzelnen Stunde mehr als eine Million Kubikmeter verfügbar sein müssen", sagte Unterseer.

Die deutschen Gasspeicher sind nach Angaben des Verbandes der Europäischen Gasspeicherbetreiber nur noch zu 36 Prozent voll. In Österreich verzeichneten die Gasspeicher in dieser Woche nur noch 20 Prozent der maximalen Füllmenge. In der EU stehen nur Bulgarien und Kroatien schlechter da. Ziel der Regierung in Wien ist es, dass die österreichischen Erdgasspeicher vor Beginn des Winters zu 80 Prozent gefüllt sind.

Die Strategie der EU-Kommission ist unterdessen klar. Auf ihre Initiative hin haben sich die Mitgliedsstaaten vorgenommen, in Zukunft gemeinsam ihr Gas einzukaufen und zu speichern, um für ein Embargo oder einen Lieferstopp Russlands gerüstet zu sein. "Verstärkte Kooperation auf Ebene der EU und Solidarität sind entscheidend, um Krisen bewältigen und als global relevanter Marktakteur auftreten zu können", sagte Franz Angerer, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur der SZ. Doch bislang fehlt es noch an den entsprechenden Vereinbarungen. "Für eine gesamteuropäische Bevorratung braucht es noch abgestimmte internationale Regelwerke", fordert der Energieexperte. Wegen des wachsenden Risikos von Versorgungsunterbrechungen hat Österreich bereits einen Bedarf in Höhe der gesamten von Russland gelieferten Gasmenge für den gemeinsamen Einkaufsmechanismus angemeldet.

In der politischen Praxis kämpft bislang jedes Mitgliedsland - auch Deutschland und Österreich - erst einmal für sich allein. "Wenn Gas knapp werden sollte, ist jedem das Hemd näher als die Weste", heißt es in österreichischen Branchenkreisen.

Österreich ist derzeit noch zu 80 Prozent vom russischen Gas abhängig. Doch angeblich kann das Land bereits bis zum Jahr 2027 unabhängig vom russischen Gas werden. Das ergab eine Studie der Energieagentur im Auftrag des Energieministeriums. "Wir müssen raus aus russischem Erdgas", sagte Energieministerin Leonore Gewessler dem ORF. "Wir müssen alles tun, um unsere Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu beenden." Aber noch ist nicht ganz klar, wie und welche Rolle der Gasspeicher in Haidach dabei spielt.

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