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Großrazzia in Ostbayern:Die Spur führt in die Neonazi-Szene

Bei einer Großrazzia in Ostbayern sind die Ermittler auf ein "unglaubliches Waffenarsenal" gestoßen - sowie rechtes Propaganda-Material und Hakenkreuz-Binden. Die rechte Szene ist im Visier der Fahnder. Nach SZ-Informationen soll zudem ein bekannter Neonazi in den Fall verwickelt sein.

Mike Szymanski und Wolfgang Wittl

Nach den Waffenfunden in Ostbayern gerät nun die rechtsextreme Szene ins Visier der Fahnder. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung soll es sich bei dem Regensburger Waffenhändler, der mit einem Komplizen bereits im Dezember festgenommen worden war und der mit einem Geständnis die Großrazzia vom Dienstag ausgelöst hatte, um einen den Behörden bekannten Neonazi handeln.

Großrazzia wegen illegalen Waffenbesitzes

Verdeckte Ermittlung: Der Schlag gegen die Waffen- und Rauschgifthändler war der größte Polizeieinsatz in der Oberpfalz seit Wackersdorf.

(Foto: dpa)

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zeigte sich im Gespräch mit der SZ besorgt: "Es muss nun ermittelt werden, ob es terroristische Planungen gegeben hat."

Auf den ersten Blick sei dies zwar nicht erkennbar, sagte Herrmann, jedoch zeige das "unglaubliche Waffenarsenal", das die Ermittler gefunden hätten, dass die Verdächtigen nicht unterschätzt werden dürften. Bei den Durchsuchungen von 56 Objekten in Bayern und zwei Gebäuden in Rheinland-Pfalz haben die Fahnder unter anderem rechtes Propaganda-Material wie Hakenkreuz-Binden gefunden. Sieben Personen wurden festgenommen. Die Anzahl der beschlagnahmten Waffen ist auf über 200 gestiegen, darunter auch Kriegsgerät wie eine Abschussvorrichtung für eine Panzerfaust.

Herrmann sprach am Mittwoch von einem "wichtigen Fahndungserfolg". Der Großteil der Arbeit liege allerdings noch vor den Ermittlern. Sie müssten nun herausfinden, wie tief die Neonazi-Szene tatsächlich in die Waffengeschäfte verstrickt sei. Noch sind die Informationen sehr spärlich. Zu den Spuren in rechtsextreme Kreise sagte die Polizei lediglich, es handele sich um mehrere Personen, die der rechten Szene nahestehen, aber führende Köpfe seien offenbar nicht darunter.

Als Schlüsselfigur gilt jedoch bislang ein Regensburger Waffenhändler, der die Ermittlungen überhaupt ins Laufen gebracht hatte. Er soll Dekorationswaffen zu scharfen Waffen umgebaut und weiterverkauft haben. Am 17. Dezember ist er festgenommen worden. In den Vernehmungen hat er offenbar seine Kunden belastet. Wie Herrmann bestätigte, befanden sich unter ihnen einzelne Neonazis. Der Waffenhändler hätte jedoch offenbar auch Mitglieder von Rockerbanden mit Waffen beliefert und zudem Waffennarren.

Dennoch kündigte Herrmann an, die rechtsextreme Szene noch einmal besonders in den Blick zu nehmen. "Der Fall beweist, dass man im rechtsextremen Bereich immer wieder versucht, in den Besitz hoch gefährlicher Schusswaffen zu kommen."

Erst kürzlich hatte der Innenminister im SZ-Interview eingeräumt, die Gefahren des Rechtsextremismus unterschätzt zu haben. Fünf der zehn Morde der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle waren in Bayern verübt worden. Seit Bekanntwerden der Mordserie trete die Szene sogar "dreister und aggressiver" auf, beklagte Herrmann.

Schon in der Vergangenheit bei Verbrechen genutzt?

Vor allem in Ostbayern häuften sich in den vergangenen Wochen Provokationen durch Rechtsextreme. Am Wochenende marschierten etwa 100 Neonazis in Landshut auf. Dazu aufgerufen hatte Martin Wiese, der 2003 wegen eines geplanten Sprengstoffanschlags auf das Jüdische Zentrum in München zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war. Seit gut einem Jahr ist er wieder auf freiem Fuß.

Die Polizei setzte unterdessen ihre Razzia bis weit in den Mittwoch hinein fort: Beamte durchsuchten ein größeres Objekt in der Nähe Straubings, wo sie weitere Waffen fanden. Am Dienstag waren sie bereits im Raum Regensburg, Kelheim und Passau fündig geworden.

Die sichergestellten Waffen werden nun daraufhin untersucht, ob sie in der Vergangenheit bei Verbrechen benutzt wurden. Mit den Ergebnissen der ballistischen Gutachten könne frühestens in ein paar Wochen gerechnet werden, sagte Polizeisprecher Stefan Hartl, der die Aktion als "tollen Erfolg" wertete.

Die Polizei hatte am Dienstag zunächst elf Verdächtige festgenommen, von denen sie vier wieder auf freien Fuß setzte. Sechs Männer und eine Frau wurden bis Mittwochabend dem Ermittlungsrichter vorgeführt: In sechs Fällen ergingen Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz, ein anderes Mal wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Auch größere Mengen Drogen stellten die Ermittler sicher.

Insgesamt waren 1500 Beamte im Einsatz. Es handelte sich um eine der größten Polizeiaktionen der vergangenen Jahre. Schon im vergangenen Jahr hatten Beamte bei Durchsuchungen in Ostbayern eine Vielzahl von Waffen und Drogen gefunden. Ob ein Zusammenhang zu den aktuellen Ermittlungen besteht, ist derzeit noch offen.

© SZ vom 01.03.2012/sonn
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