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Essay:Bedrohtes Land

Wirtschaftlich geht es Bayern so gut wie nie zuvor. Doch der Preis dafür ist hoch, die Dörfer verlieren ihre Identität. Dagegen wächst langsam der Widerstand

Von Sebastian Beck

Sechs Jahre sind eine kleine Ewigkeit, jedenfalls aus Sicht der Politik. Ein Blick ins Archiv: Was war da eigentlich los an jenem Wochenende im März 2014, als im Freistaat gewählt wurde? Uli Hoeneß legte seine Ämter beim FC Bayern nieder, die Bevölkerung der Krim stimmte für den Beitritt zu Russland. Und eine Splitterpartei namens AfD bereitete sich auf ihren Bundesparteitag vor. In Meinungsumfragen rangierte die AfD noch unter "Sonstige", im bayerischen Landtag regierte die CSU mit absoluter Mehrheit.

Sechs Jahre später: Wer sich im Februar 2020 unter Kommunalpolitikern umhört, der vernimmt am Telefon zunächst ein Seufzen. Was die wichtigsten Themen in der abgelaufenen Wahlperiode waren? Franz Meyer, CSU-Landrat im Landkreis Passau, muss nicht lange nachdenken: Mehrmals gab es Katastrophenalarm wegen Unwettern, 2015 musste er die Flüchtlingskrise bewältigen - und danach begann der Aufstieg "einer neuen Rechtspartei", wie Meyer es formuliert. "Das Klima ist aggressiver geworden, die Art, wie man miteinander umgeht." Für Meyer ist am 15. März Schluss nach 42 Jahren in der Kommunalpolitik, Abschiedsschmerz ist bei ihm noch nicht rauszuhören.

Es ist schließlich auch ziemlich ungemütlich geworden in Bayern. Die vergangenen sechs Jahre haben Politik und Gesellschaft verändert. Das wird sich bei den Kommunalwahlen in zwei Wochen niederschlagen. Denn die Zusammensetzung der politischen Gremien ist seit 16. März 2014 gewissermaßen schockgefroren - auf dem Stand vor der Flüchtlingskrise, vor den Hitze- und Dürresommern, die den Menschen im letzten Dorf klargemacht haben, dass sich die Globalisierung mit all ihren Dramen nicht aussperren lässt. Die Menschen spüren, dass sie in einer Zeitenwende mit ungewissem Ausgang leben, nur so lässt sich erklären, dass ökonomische Zahlen und gefühlte Verunsicherung einfach nicht zusammenpassen. Wer möchte, kann Bayern als "Vorstufe zum Paradies" beschreiben, wie es Horst Seehofer als Ministerpräsident immer wieder getan hat. Die Wirtschaft prosperiert wie nie zuvor: In Neumarkt in der Oberpfalz wurde im September 2019 eine Arbeitslosenquote von 1,7 Prozent registriert. Im Landkreis Cham - einst sogenanntes Zonenrandgebiet - ist die Zahl der Arbeitsplätze seit 2004 um 39 Prozent gestiegen. Die Staatsregierung schwimmt im Geld; sie kann ein teures Programm nach dem anderen auflegen und in Nürnberg sogar nebenbei eine neue Universität gründen.

Wer auf einer bayerischen Autobahn fährt, dem wird schwindelig, so schnell wachsen links und rechts gigantische Logistikzentren und Fabrikhallen aus dem Boden. Im niederbayerischen Wallersdorf errichtete BMW erst vor drei Jahren eine Logistikhalle, die mit 23,5 Hektar Grundfläche zu den größten der Welt zählt. Die nächste Halle mit 28 Hektar Grundfläche ist nebenan bereits in Planung. Von Rosenheim bis Meitingen nördlich von Augsburg sind es 120 Kilometer Luftlinie; so weit erstreckt inzwischen ein einziger "Verdichtungsraum", wie die Ansammlung von Städten und Zwischenstädten im Fachjargon heißt. In Nordbayern reicht der größte Verdichtungsraum von Roth über Nürnberg bis nach Bamberg - immerhin 74 Kilometer weit. Von Jahr zu Jahr schieben sich die Siedlungen weiter ins Land hinaus. Seit 2014 ist die Bevölkerung Bayerns um fast eine halbe Million Menschen gewachsen. Staus, Hektik und Wohnungsnot bestimmen den Alltag in den Metropolen.

Auch Fachleuten wird es inzwischen unheimlich. "Es kann doch nicht so weitergehen", sagt Oberbayerns Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler und warnt davor, dass eine ganze Region zum "Konglomeratsbrei" verkomme. München dürfe nicht noch weiter gestärkt werden, fordert Holger Magel, emeritierter Professor für Bodenordnung und Landentwicklung an der TU München. Der Erlanger Kulturgeograf Werner Bätzing wagt eine pessimistische Prognose: "Das dauert keine 20 Jahre mehr, dann bricht das zusammen." Bätzing hat gerade ein Buch geschrieben, in dem er sich mit der Geschichte des Landlebens auseinandersetzt. Eine seiner zentralen Thesen lautet: Das Land als Lebens- und Wirtschaftsraum drohe zu verschwinden. Zugleich spitzen sich seiner Einschätzung nach die Unterschiede zwischen Stadt und Land zu - auch in Bayern.

Bayern aus der Perspektive des Satelliten. Wald und Fluren dominieren immer noch das Land. Politisch und wirtschaftlich haben aber die großen Zentren das Sagen.

(Foto: Mauritius, Bildbearbeitung: SZ)

Wie passt das bloß zu all den Erfolgsmeldungen? Anruf bei Sebastian Dikow, ei-nem Sprecher der neuen Bauernprotestbewegung "Land Schafft Verbindung". Er sitzt mit seinem Hof in Niederbayern, wo BMW für Wohlstand gesorgt hat, und sagt trotzdem: "Den ländlichen Raum lässt man sterben." In den Großstädten werde über das 365-Euro-Ticket diskutiert, auf dem Land müsse man schauen, dass wenigstens ein Bus fahre. Und überhaupt: In den kleinen Ortschaften hätten Handel und Gewerbe aufgehört zu existieren. Zugleich, sagt Dikow, sehe er sich als Bauer mit dem Wunsch der Städter nach der heilen Welt konfrontiert. Womit er bei seinen Reizthemen angelangt ist: dem Volksbegehren für mehr Artenschutz und der neuen Düngeverordnung, von denen er überhaupt nichts hält.

Ein Volksbegehren zur Rettung der Bienen - früher hätten Politiker darüber allenfalls gewitzelt. Sein geradezu verblüffender Erfolg Anfang 2019 markiert den größten Einschnitt in die Landes- und Kommunalpolitik seit 2014. Hierbei hat sich das Unbehagen entladen, das von den positiven Wirtschaftsdaten lange verdeckt worden ist. Und es waren keineswegs nur die grünen Städter, die sich in die Unterschriftenlisten eingetragen haben. Wer sich als Journalist mit Menschen auf dem Land unterhält, der bekommt immer wieder zu hören, wie sehr ihnen die Entwicklung der vergangenen Jahre Sorgen bereitet. Wo einst der Himmel schwarz vor Zugvögeln war, herrscht Ödnis. Fasane, Rebhühner, Schmetterlinge - alle verschwunden. Der Klimawandel bedroht die Wälder, im Sommer wird schon jetzt mancherorts das Wasser knapp. Seit 2010 mussten in Bayern 7000 Einzelhandelsgeschäfte schließen, ebenso Bäcker, Metzger, Arztpraxen, Schulen, Krankenhäuser, Postfilialen, Handwerksbetriebe, Wirtshäuser, Bauernhöfe, Vereine - alles weg.

An ihre Stelle treten immer mehr Großstrukturen sowohl in der Landwirtschaft als auch im Gewerbe. Das Dorf der Zukunft ist die Zwischenstadt, laut Bätzing eine "extrem menschenfeindliche Struktur", die nur noch den Bezug zu bestimmten Punkten kennt: Vom Eigenheim im Neubaugebiet geht es mit dem Auto kilometerweit ins Gewerbemischgebiet zum Einkaufen, die Kinder werden mit dem Auto zum Musikunterricht gefahren, und weil es daheim gar so hässlich ist, flüchtet sich die Familie am Wochenende in die Berge und damit in den nächsten Stau. Es ist der gängige Lebensstil im 21. Jahrhundert.

Er schließt nicht nur diejenigen aus, die sich kein Auto leisten können. Er zerstört vor allem auch die Landschaft und damit das Heimatgefühl. Denn Heimat, so führt Bätzing aus, ist dadurch entstanden, dass die Menschen mit ihrer Arbeit die Kulturlandschaft geprägt und sich darin wiedererkannt haben. Die Toskanahaussiedlungen in Niederbayern sind folglich ein Ausdruck dafür, dass die Einheimischen den Bezug zu ihrer Heimat verloren haben. Man könnte auch sagen: Sie sind im Kleinen das, was Logistikhallen im Großen sind. "Die Identität beschränkt sich nur noch auf die eigene Scholle", sagt Bätzing.

Und das soll also die Vorstufe zum Paradies sein? Eher nicht. Vieles spricht dafür, dass es so weitergehen wird, zumindest so lange die Energiepreise so niedrig bleiben wie in den vergangenen Jahrzehnten. Denn billiger Sprit hat den mobilen Lebensstil und die darauf ausgerichtete Landesplanung erst möglich gemacht. Als 2011 der Zukunftsrat der Staatsregierung seine Expertise zur Entwicklung der Regionen in Bayern vorstellte, hagelte es Kritik. Das 22-köpfige Gremium kam zum Schluss: Der Staat solle sich auf die Förderung von acht "Leistungszentren" konzentrieren, das Land werde allenfalls als Erholungsraum an Bedeutung gewinnen, Arbeitnehmern sei eine Stunde Fahrzeit zum Arbeitsplatz zumutbar. Seehofer reagierte damals verärgert auf das Gutachten, doch die Entwicklung geht auch ohne Zutun des Staates in die Richtung.

Bätzing sieht das Gutachten als Beispiel dafür, wie unverschämt und arrogant von der Politik mit dem ländlichen Raum umgangen werde. Auch Bezirksheimatpfleger Göttler ist genervt von den Schlaumeiereien, die meist von städtisch denkenden Planern in Metropolen ausgearbeitet werden: Das Land werde dort als Befehlsempfänger der Großstadt gesehen. Vielleicht liegt darin die tiefere Ursache dafür, dass die Diskussionen über Landwirtschaft und Artenschutz ebenso erbittert wie spalterisch geführt werden.

Viele Großstädter halten das Landleben im Grunde genommen für eine rückständige, irgendwie defizitäre Lebensform. Unter Gleichheit der Lebensverhältnisse verstehen sie in erster Linie, dass die Menschen im Steigerwald und anderswo bitte so ticken und sprechen sollen wie sie. Aus Sicht der "großen" Wirtschaft und Politik ist das Land in erster Linie ein ineffizientes und daher überflüssiges Relikt, das Logistikern im Weg steht. Dieses Denken treibt Populisten wie dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger von den Freien Wählern die Wähler zu. Er bedient nur zu gerne das Klischee von der verderbten Stadt und der aufrichtigen, aber benachteiligten Landbevölkerung.

Dabei waren Stadt und Land stets aufeinander bezogen, das sagt auch Göttler: "Die Region Oberbayern floriert, weil es ein ländliches Umfeld gegeben hat." Die Künstlerkolonien im Oberland, der Schriftsteller und Weltbürger Oskar Maria Graf - sie alle schöpften aus dem Kontrast zwischen Metropole und Provinz. Umfragen zeigen, dass bis heute in den Dörfern Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft stark ausgeprägt sind - darauf ließe sich bauen. "Das Land braucht die Stadt nicht als Vorbild", sagt Bätzing. Er sieht die Zukunft in der Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe. Die Entwicklung der Städte müsse gedämpft und das Land dezentral aufgewertet werden. Seine Hoffnung, dass es tatsächlich so kommt, ist nicht allzu groß: "Es bräuchte ein prinzipielles Umsteuern. Die Politik kriegt das nicht in Griff."

Man könnte auch sagen: Dorfläden, Biobauern, Behördenverlagerungen, alles schön und gut. Doch regionalen Initiativen und zaghaften Eingriffen des Staates wirken allerorts die Kräfte der Globalisierung entgegen, die auf maximalen Gewinn, Effizienz und Wachstum ausgerichtet sind. Das aber waren noch nie die Stärken des Landlebens. Es definiert sich durch andere Werte. Als Landrat Franz Meyer von seinem Politikerleben im Landkreis Passau erzählt, da erwähnt er eher nebenbei, dass gerade 80 Feuerwehren im Einsatz seien, um die Sturmschäden zu beseitigen. Bei ihm daheim ist das ganz normal. Noch.

© SZ vom 29.02.2020
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