Erster Auftritt des Eisbärbabys "An der Flocke-Hysterie können wir nichts ändern"

Am Mittwoch wird die Eisbärin Flocke erstmals in ihrem Freigehege dem Publikum präsentiert, am Dienstag dürfen 50 handverlesene Tiergartenfreunde ans Gehege. Nürnbergs Zoochef Dag Encke über das bevorstehende Eisbären-Spektakel, die Verantwortung der Pfleger und seine Freude an Buntmardern.

Interview: Olaf Przybilla

Am Mittwoch wird die Eisbärin Flocke erstmals in ihrem Freigehege dem Publikum präsentiert. Die Stadt Nürnberg erwartet täglich bis zu 25 000 Besucher. Am heutigen Dienstag dürfen nur 50 handverlesene Tiergartenfreunde ans Gehege, wenn Flocke der Weltpresse präsentiert wird. Ein Gespräch mit Zoochef Dag Encke.

Eisbärin Flocke wird zwei Jahre alt

Happy Birthday, Flocke

SZ: Dieser Dienstag muss ein rabenschwarzer Tag für Sie sein.

Encke: Wieso das denn?

SZ: Sie wollten eine Flocke-Hysterie vermeiden. Heute kommen 370 Journalisten in den Nürnberger Zoo - CNN, das russische Fernsehen und Fuji-TV.

Encke: Daran können wir nichts ändern. Und erklären können wir es uns auch nicht wirklich. Es gibt ganz offenbar ein vitales Interesse, das Spektakel um den Eisbären am Leben zu halten. Ich beobachte dieses Jo-Jo-Spiel noch immer mit großer Faszination. Die Medienleute sind ja nicht matschig im Hirn, die erfüllen offenkundig einen Wunsch ihrer Kunden. Und wir als städtische Einrichtung können uns den Wünschen der Stadt nicht verweigern. Wir würden das Interesse nur gerne ummünzen.

SZ: Ummünzen?

Encke: Eisbären sind geradezu prädestiniert als Botschafter für den Klimawandel. Sie könnten wie kaum jemand anderes symbolisieren, was da eigentlich gerade passiert an den Polkappen. Vergangene Woche erst, diese abgebrochene und abdriftende Eisfläche - die war so groß wie die Stadt Köln. Ich gebe aber zu: Diese inhaltliche Botschaft bekommen wir momentan noch nicht richtig unter die Leute. Die wollen jetzt erst mal den kleinen Bären sehen. Ich versteh das ja.

SZ: Obwohl Sie als äußerst reserviert gelten, was das "Och ist die süß" betrifft. Es gibt bislang nicht ein einziges öffentliches Foto von Ihnen und Flocke. Encke: Also, ich war mittlerweile auch schon ein paar Stunden lang allein bei der Flocke. Und ich gebe zu: Man kann sich da nur schwer losreißen. Heute morgen aber hab ich mich lieber unserem neuen Buntmarder gewidmet.

SZ: Einem Buntmarder.

Encke: Einem Buntmarder. Eine Viertelstunde lang, bevor die Arbeit beginnt, einfach nur anschauen. Wunderbar.

SZ: Sie haben sich bei den Berliner Kollegen entschuldigt. Sind die Ihnen immer noch gram?

Encke: Ich hatte nicht den Eindruck. Es ging um diese Nürnberger Plakate, auf denen "Knut war gestern" zu lesen steht. Ich finde das ziemlich daneben. Fragen Sie mich bitte nicht, warum ich davon nichts vorher erfahren habe. Aber bei den Kollegen ist das Thema durch. Die wissen natürlich, wie schwer so eine Geschichte von uns Zoologen zu steuern ist. Wir haben da kaum eine Chance.

SZ: Sie haben künftig vier berühmte Tierpfleger - nicht nur einen wie Berlin.

Encke: Wir wollten diese Belastung keinesfalls nur einem einzigen aufbürden. So eine Handaufzucht ist extrem aufwendig, das wollen Sie nicht mal geschenkt. Jetzt, wo Flocke wächst und gedeiht, wird eines immer vergessen. Die gleichen, die unsere Pfleger heute bis in den Supermarkt verfolgen und um Autogramme bitten, hätten völlig anders reagiert, wenn Flocke verendet wäre. Wir haben immer gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht durchkommt, liegt bei 50 Prozent. Auf das anschließende Spießrutenlaufen mussten wir die Pfleger vorbereiten. Das darf ein Zoochef keinem wider Willen aufs Auge drücken. Die Verantwortung für ein Verenden Flockes hätte natürlich ich übernommen.

SZ: Sie wären zurückgetreten?

Encke: Sie müssen immer überlegen, ob Sie dem Betrieb noch nützen oder nur noch schaden. Hätte Flocke nicht überlebt, dann wäre der Druck vermutlich zu groß für mich geworden.

SZ: Die Pfleger haben sich nicht darum gerissen, berühmt zu werden?

Encke: Es wird immer vergessen, dass das nicht nur eine Riesenverantwortung ist, sondern dass so eine kleine Bärin einem Menschen richtig weh tun kann. Sie beißt und kratzt, die Pfleger haben reihenweise blaue Flecken. Und das wird natürlich von Tag zu Tag schlimmer.

SZ: Ein Pfleger soll ein unzweideutiges sexuelles Angebot bekommen haben - für ein privates Flocke-Arrangement.

Encke: Wenn das stimmt, dann können Sie sich vice versa ausrechnen, was derselbe Mann für Angebote bekommen hätte, wenn Flocke nicht überlebt hätte.

SZ: Tierrechtler behaupten, die Nürnberger Flocke-Soap sei das Ergebnis einer perfekten Inszenierung gewesen. Encke: Was für ein Schwachsinn. Aber noch brutaler war es, als wir in einer Boulevardzeitung lesen mussten, wir lassen hier angeblich eine junge Eisbärin in den Fängen ihrer Mutter verhungern.

SZ: Sie wurden in aller Welt beschimpft - vor allem in Neuseeland.

Encke: Ja, kurios, ausgerechnet Neuseeland, wo ich mal ein Jahr lang gelebt habe. Ich habe immer gedacht: Die müssten mich doch besser kennen, die müssten doch wissen, wie blödsinnig dieser Vorwurf ist. Aber im Ernst: Neuseeländische Zeitungen hatten den deutschen Boulevard übernommen. Kurzzeitig war ich da ein perfider Eisbären-Sadist.

SZ: Haben Sie Fehler gemacht?

Encke: Am Tag bevor wir Flocke von ihrer Mutter Vera trennen mussten, standen viele Bildjournalisten auf der Plattform. Mag sein, dass Vera das nervös gemacht hat. Allerdings weiß ich nicht, ob ich heute anders handeln würde. Hätten wir hermetisch abgeriegelt, wäre uns unterstellt worden, wir wollten Flocke ihrem Schicksal überlassen - und genau das verheimlichen. Ein Teufelskreis.

SZ: Hätten Sie Flocke ihrer Mutter nicht weggenommen...

Encke: ...dann wärt ihr Journalisten vermutlich bald wieder nach Hause gegangen. Sehen Sie Willbär in Stuttgart - der ist genauso alt wie die Flocke, aber sicherlich nicht annähernd so bekannt. Eine ganz normale Mutteraufzucht eben. SZ: Sind Sie nervös?

Encke: Ich plane gerade unsere neue Buntmarderanlage. Die wird großartig, oben offen, ganz ohne Netz, so etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht, das ist ...

SZ:... Verzeihung, Herr Encke.

Encke: Was? Ach so: Nein, nicht nervös. Dafür habe ich keine Zeit. Wenn die Marderanlage eröffnet wird, dann werde ich nervös sein. Wenn einer von denen flüchtet, dann haben Sie ein Problem.

SZ: Zwei Pfleger stehen heute im Gehege beim Bären, die zwei anderen bei der Weltpresse. Was ist gefährlicher?

Encke: Letzteres, ganz eindeutig.