Entwicklungshilfe in Ecuador Die Sternenfrau und die Sonnenenergie

Mascha Kauka, die Tochter des Erfinders von Fix und Foxi, versorgt Indios mit moderner Ökotechnologie. Die Moosburger Entwicklungshelferin bringt bayerische Wissenschaftler in den Regenwald.

Von Antje Weber

Bis zum Horizont ist alles grün. Seit einer halben Stunde fliegt die Cessna über die dicht bewaldeten Hügel, mit denen das ecuadorianische Andenhochland in das Amazonastiefland übergeht. Straßen gibt es hier keine mehr. Ab und zu einen Flusslauf. Ab und zu ein Dorf. Dann sinkt das Flugzeug, steuert auf eine Graspiste mitten im Urwald zu und landet überraschend sanft. Willkommen in Yuwientsa!

Mascha Kauka unterweist die Indios auch bei der Mülltrennung

(Foto: Foto: Antje Weber)

Aus allen Richtungen laufen die Dorfbewohner zusammen, um Mascha Kauka zu empfangen, die sich aus dem engen Flieger windet und erst einmal alle umarmt - eine schmale, hellhäutige Frau mit Pferdeschwanz zwischen lauter lachenden, dunklen Indiogesichtern. Die Leute tragen ihr Gepäck zur Sanitätsstation, wo sie wie immer auf einer dünnen Isomatte unter einem Moskitonetz schlafen wird, in einem schlichten Raum, der nach ihr benannt ist: Yaanua, Sternenfrau, heißt sie beim Indiostamm der Shuar. Mascha Kauka ist wieder zu Hause.

Aufforsten mit Palmen

Es ist ihre zweite Heimat, die erste liegt viele tausend Kilometer entfernt in Bayern. Dort führt Mascha Kauka ein überaus privilegiertes Leben, in einer eleganten Villa mit Park bei Moosburg im Kreis Freising. Dort hat es die heute 62-jährige Tochter des "Fix und Foxi"- Erfinders Rolf Kauka mit Kochbüchern zu viel Geld gebracht.

Ihr Unternehmergeist und die finanzielle Absicherung kommen ihr bei ihrem zweiten Leben als Entwicklungshelferin zugute: Seit 25 Jahren organisiert der von ihr und ihrem Mann gegründete Verein Indio-Hilfe, entstanden nach einer schicksalhaften Reisebegegnung mit ratsuchenden Indios, Projekte in wechselnden Regionen Ecuadors. Vor kurzem ist noch die Stiftung Amazonica dazugekommen, die gezielt Kaukas derzeitiges Regenwaldprojekt fördert.

Die Ergebnisse dieses Projekts sind bei einem Rundgang in Yuwientsa unübersehbar. Stolz zeigt Kauka, mit Tropenhut und in Gummistiefeln, auf die Bäume vor der Sanitätsstation: "Diese Kokospalmen haben wir gepflanzt. Und diese Brotbäume auch - die wachsen hier wie Unkraut." 30.000 Palmen stehen inzwischen in Yuwientsa auf ehemaligen Rinderweiden.

Rinder im Regenwald - eine Idee der Missionare. "Doch der Boden ist dafür nicht geeignet", sagt Mascha Kauka. Jetzt forstet das Dorf heimische Nutzhölzer auf, Palmen für den Hausbau zum Beispiel. Außerdem hat jede Familie Hühner bekommen, um sich mit Eiern und Fleisch selbst versorgen zu können. Jedes Haus besitzt eine Wasserleitung, Solarstrom, eine Trockentrenntoilette und Hochbeete.

Kochen mit Biogas

Der Herd der Gemeinschaftsküche funktioniert mit Biogas, daneben stehen Kübel für die Mülltrennung. Yuwientsa ist eine ökologische Mustergemeinde, die traditionelle Lebensweise mit moderner Technologie verbindet. "Es geht uns heute viel besser", sagt der Dorfschreiner Ernesto und zeigt seine ordentliche Hütte mit Garten. "Wir wollen ein gesundes Leben ohne Verschmutzung führen."

Der Obmann des Dorfes, Elias, wird später bei einer Versammlung in der palmstrohgedeckten Gemeindehütte aufstehen und erzählen, wie viele solcher Projekte sonst schiefgehen: "Wir wollten es anders machen. Unser Weg ist die Dezentralisierung, jede Familie kann sich selbst entwickeln. Das ist auch ein neuer Weg für die jungen Leute, die hier genug Arbeit finden."

Elias, mit traditionellen Streifen im Gesicht bemalt, doch mit westlichem T-Shirt und Hose bekleidet, fügt hinzu: "Indio-Hilfe hilft uns, einen Traum zu verwirklichen - ohne uns etwas aufzudrücken. Damit wir im Wald würdig leben können!" Die Versammlung klatscht, Mascha Kauka nickt. Das ist ihr wichtig: dass die Initiative von den Indios selbst ausging, die ihren Verein um Hilfe baten. Dass dadurch deren Motivation zum Arbeiten größer ist als bei anderen Entwicklungshilfeprojekten, die den Empfängern ihre Ideen überstülpen.

Bräuche wiederentdeckt

In Yuwientsa jedenfalls haben die Menschen sichtbar Freude an dem, was sie tun. Unter viel Kichern lassen sich die Frauen von Mascha Kauka nachmittags am offenen Feuer das Marmeladekochen beibringen, um den Überschuss an Früchten zu verwerten. Und mit Enthusiasmus führen sie abends ein Programm mit traditionellen Tänzen und Gesängen vor. "Sie hatten ihre Kultur schon fast vergessen, denn die Missionare hatten alles als heidnisch verboten", erzählt Kauka. "Als ich 1999 zum ersten Mal herkam, kannten nur noch wenige Alte die traditionellen Bräuche. Die haben sie den Jungen mühsam wieder beigebracht."

Die eigene Kultur ging nicht nur beim Stamm der Shuar verloren, der schon vor mehr als hundert Jahren missioniert wurde. Eine halbe Cessna-Flugstunde tiefer im Regenwald, im Dorf Sharamentsa beim Volk der Achuar, ist es nicht anders: Obwohl sie erst vor 30 Jahren zwangszivilisiert und missioniert wurden, war ihre kulturelle Identität innerhalb von nur einer Generation fast ausgelöscht.

Der Dorfchef und designierte Amazonica-Projektleiter Domingo, mit einer Krone aus bunten Papageienfedern über dem freundlichen Gesicht, kennt sich da nur zu gut aus: Der 41-Jährige schreibt gerade eine Doktorarbeit über das Weltbild der Achuar.