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Engpässe bei Wohlfahrtsverbänden:Der Freiwilligendienst - ein einziger Flop

Es fehlt an allen Ecken: Tausende Zivildienstleistende gab es einst in Bayern - zum Bundesfreiwilligendienst haben sich bislang ganze 120 Personen angemeldet. Die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm und fühlen sich von der Politik alleingelassen. Am Ende werden vor allem die Patienten leiden - wegen eines Mangels an Menschlichkeit.

Kurz nach dem Start des Bundesfreiwilligendienstes als Ersatz für den Zivildienst zeichnen sich erste Engpässe in der Betreuung älterer und behinderter Menschen ab. Das neue Angebot für einen Freiwilligendienst an der Gesellschaft wird kaum angenommen.

Bundesfreiwilligendienst ist ausgebucht

Mit der Abschaffung des Zivildienstes fehlen den Betreuungseinrichtungen in Bayern hunderte Helfer. Der Freiwilligendienst kann den Mangel, zumindest in der Anfangsphase, bei weitem nicht aufwiegen.

(Foto: dpa)

Wie eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung bei Wohlfahrtsverbänden in Bayern ergab, fehlen nach dem Ende des Zivildienstes zum 1. Juli landesweit etliche hundert Menschen, die Essen ausfahren, Freizeit mit Pflegebedürftigen verbringen, Behinderte betreuen und im Rettungsdienst eingesetzt werden können.

Nach Angaben von Margit Berndl, Vorstandsmitglied des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, haben die Verbände ersten Schätzungen zufolge bayernweit bislang nur maximal 120 Verträge mit Freiwilligen abschließen können. "Die Lücke, die der Wegfall des Zivildienstes reißt, kann kurzfristig nicht geschlossen werden", sagt Berndl. "Letztlich bekommen das die Menschen in den Einrichtungen zu spüren."

Zu Jahresbeginn waren in Bayern noch etwa 8300 Zivildienstplätze belegt. Das Bayerische Rote Kreuz hat nach eigenen Angaben in Teilen Frankens und Oberbayerns das Angebot an Krankentransporten etwa zu Dialyse-Behandlungen zurückfahren müssen, weil Personal fehlt.

Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk erklärt, bislang habe das BRK bayernweit nur etwa 30 Verträge mit Menschen abgeschlossen, die sich für ein Taschengeld von maximal 330 Euro in der Regel für ein Jahr sozial engagieren wollen. Zuvor hat das BRK im Jahr mehr als 1700 Zivis beschäftigt. Der Betrieb lasse sich nur deshalb weitgehend aufrechterhalten, weil 400 Zivildienstleistende noch einmal für drei bis sechs Monate verlängert hätten.

"Die Dramatik kommt jetzt erst an"

Bei der Arbeiterwohlfahrt in Bayern haben sich bislang 20 Freiwillige anstellen lassen. Auch hier seien das eindeutig zu wenig, wie der SPD-Landtagsabgeordnete und AWO-Landesvorsitzende Thomas Beyer erklärt. Zuletzt beschäftigte die AWO knapp 400 Zivis. "Die Zivis haben faktisch Zeit und Zuwendung in den Heimalltag gebracht", sagt Beyer. "Mit dem Wegfall des Zivildienstes geht auch ein Stück Menschlichkeit verloren."

Auch die Caritas in Bayern hat zu kämpfen. Bis vor kurzem setzte sie 1900 Zivis ein. Jetzt sind es auch hier gerade mal 50 Freiwilligendienstler, die die Caritas verpflichtet hat. Michael Kroll, der zuständige Referent, sagt, Personalnot herrsche bei der Betreuung Schwerstbehinderter. Das kann Margit Berndl von der Landesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände nur bestätigen. "Die Dramatik kommt jetzt erst an", sagt sie. "Zum Teil werden Leistungen in Zukunft wegfallen."

Von der Politik im Stich gelassen

Groß ist der Ärger bei den Wohlfahrtsverbänden über die Politik, die im Eiltempo mit dem Wehrdienst auch den Zivildienst abgeschafft hat - ein Erbe des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Thomas Beyer von der AWO spricht von einem Fehlstart. "Bis jetzt ist der Beginn des Freiwilligendienstes ein einziger Flop." Leonhard Stärk vom BRK sagt, die Reform sei "überhastet und nicht durchdacht gewesen".

Mit dem Ärger allein lässt Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) die Wohlfahrtsverbände. Zum Jahreswechsel hatte sie noch vollmundig bekundet, der Wegfall werde kaum Probleme mit sich bringen. Nun möchte sie sich nicht mehr äußern.