Ekelfleisch-Prozess "Nicht zuständig": Zeuge kritisiert Behörden

Ein Lkw-Fahrer brachte den Wertinger Ekelfleisch-Skandal in Gang. Vor Gericht sagt Miroslav Strecker nun als Zeuge aus - und erzählt, wie schwerfällig die Behörden zunächst auf seinen Hinweis reagierten.

Von Stefan Mayr

Seit fast vier Jahren harrt der Ekelfleischskandal von Wertingen (Landkreis Dillingen) seiner juristischen Aufarbeitung. Das Landgericht Augsburg hat nun am Mittwoch zwei Mitangeklagte wegen Beihilfe zum Betrug zu Bewährungsstrafen verurteilt. Doch der Abschluss des Prozesses zögert sich noch weiter hinaus: Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten Wolfgang L. wurde abgetrennt, da dieser am Wochenende einen leichten Herzinfarkt erlitten hat.

Fast vier Jahre nach der Aufdeckung des Ekelfleisch-Skandals im schwäbischen Wertingen wird der Fall nun vor Gericht aufgearbeitet.

(Foto: dapd)

Der zweite Prozesstag brachte einige brisante neue Details ans Licht: So berichtete der Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker, wie er die Affäre im August 2007 in Gang brachte - und wie schwerfällig die Behörden zunächst auf seinen Hinweis reagierten. Zudem kritisierte der Staatsanwalt Andreas Rossa die lange Verfahrensdauer als "rechtsstaatswidrig". Tatsächlich hatte der verantwortliche Beamte der Kriminalpolizei im Zeugenstand mit beträchtlichen Erinnerungslücken zu kämpfen. Zudem wirkte sich die lange Wartezeit auf den Prozess bei der Bemessung der Strafe zugunsten der geständigen Angeklagten aus: Sie erhielten Bewährungsstrafen von einem Jahr und drei Monaten beziehungsweise zwei Jahren. Der Hauptangeklagte Firmenchef Wolfgang L. ist voraussichtlich in fünf Wochen wieder verhandlungsfähig, dann soll der Prozess gegen ihn fortgesetzt werden. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft 22 Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs und das Inverkehrbringen nicht sicherer Lebensmittel vor.

Als der Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker im Zeugenstand berichtete, wie er den Tätern ihr betrügerisches Handwerk legte, konnten sich einige Prozessbeteiligte ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen - über die Unbeholfenheit der Polizei. Der 53-Jährige hatte beobachtet, wie der angeklagte Fleischhändler Wolfgang L. minderwertiges Fleisch der Kategorie 3 sofort nach der Anlieferung umetikettierte und zum Lebensmittel deklarierte. Noch auf dem Heimweg rief Augenzeuge Strecker die Telefonnummer 110 und erzählte, was er gesehen hatte. "Die haben mir gesagt, die Polizei ist nicht zuständig", berichtete Strecker. Anstatt sich um die Missstände in der Fleischfabrik zu kümmern, gab der Beamte ihm die Telefonnummer der Industrie- und Handelskammer. Als Strecker dort anrief, erhielt er die Nummer der Berufsgenossenschaft. Erst dort erreichte er jemanden, der sich um das Ekelfleisch kümmerte.

Eine Stunde später wurde Miroslaw Strecker tatsächlich von der Polizei angerufen. "Sie sagte mir, sie hätte nichts gefunden." Nur weil Strecker darauf beharrte, dass er die Lieferpapiere in Händen halte und dass es in Wertingen nicht mit rechten Dingen zugehe, wurden die Beamten schließlich doch noch fündig. Erst dann reagierten die Behörden schnell, sperrten den Betrieb und stellten fest, dass die Firma insgesamt 150 Tonnen Ekelfleisch an Berliner Dönerhersteller weiterverkauft hatte. Dass es dann weitere drei Jahre bis zum Prozess dauerte, lag an der Unterbesetzung des Augsburger Landgerichts.

Miroslaw Strecker wurde 2007 für sein Verhalten vom damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer mit der Goldenen Plakette ausgezeichnet. Diese hilft ihm heute nicht viel: Nach einer Operation wurde ihm gekündigt. "Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Branche, dass man über Kunden nicht spricht", sagt Strecker. "Vielleicht hat die Firma Druck bekommen, dass man mich nicht mehr auf dem Lkw sehen will." Der Held von einst lebt jetzt von 1092 Euro Arbeitslosengeld monatlich.