Die Jahrhunderte überdauert Gebäude mit Charakter

In ganz Bayern haben Menschen alten Häusern einen neuen Sinn gegeben

Hirte im Dienst des Dorfes

(Foto: Renate Schmidt)

Erding - Der letzte Hirte ging 1952. Mit ihm verschwand auch das Leben aus dem Herderhaus in Bergham bei Erding. Seit es 1650 errichtet wurde, waren in ihm mehr als 300 Jahre Mensch und Tier untergebracht: der Dorfhirte, seine Familie, Schafe, Ziegen und Hühner, alle unter einem Strohdach. "Die Hirten, die hier wohnten, standen jahrhundertelang im Dienst der Gemeinde", sagt Sandra Angermaier vom Verein für Denkmalpflege in Erding. Nutztiere waren seit 1400 eine beliebte Investition - Schafswolle und Ziegenkäse machten das Leben deutlich einfacher. Nur hatten die Dorfbewohner keine Zeit, sich um die Tiere zu kümmern. Das übernahm der Hirte für sie und behielt dafür einen Teil der Erzeugnisse für sich. "Solche Herderhäusl hat es in ganz Bayern gegeben", sagt Angermaier. Doch die meisten wurden schon vor langer Zeit abgerissen. Und die wenigen, die es noch gibt, sind meist in Freiluftmuseen versetzt worden. Daher ist das Herderhäusl ein Unikum: Es steht samt Brunnenkasten immer noch an derselben Stelle im Lindenhain, an der es errichtet wurde. bedi

Adresse: Am Lindenhain, 85435 Erding, Führungen können unter 0157/77 191 883 gebucht werden. Sonst ist das Haus nur einmal im Jahr am Hirtenfest geöffnet: diesmal am 2. Juni 2019.

Küchenhölle im Schredl-Haus

(Foto: Heimatmuseum Schliersee)

Schliersee - Das Schredl-Haus am Schliersee ist ein bauliches Potpourri. "Eigenartig", nennt Johanna Maier vom Verein Heimatfreunde das heutige Heimatmuseum. Zwei Häuser teilen sich Dach und Namen: Vorne steht das Bauernhaus, das zum Großteil aus dem Jahr 1447 stammt. In diesem Teil des Schredl-Hauses ist noch Inventar erhalten. Dazu gehört eine Rauchküche im Originalzustand: Bis ins 19. Jahrhundert kochten die Menschen am offenen Feuer, der Qualm zog mehr oder weniger gut durch eine Öffnung im Dach ab. Weiter hinten liegt das Ritterhaus. "Wir wissen bis heute nicht, wann es gebaut wurde. Es wird vermutet, dass es an das Bauernhaus angebaut wurde", sagt Maier. Womöglich ist es aber noch älter - und diente einst als Gefängnis. Das legen die Ketten nahe, die dort gefunden wurden. Im Obergeschoss des Ritterhauses befindet sich ein Saal. Laut Maier könnten hier die Gerichtsverhandlungen stattgefunden haben. Seinen Namen hat das Haus von Sigmund Schröttl, einem Chorherren, der Mitte des 15. Jahrhunderts in dem Haus lebte. bedi

Adresse: Lautererstraße 6, 83727 Schliersee, geöffnet von Mai bis Ende Oktober, Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr. Sonderführungen ab zehn Personen unter 08026/ 4397.

Moderne und Gotik

(Foto: Toni Ott)

Landshut - Wer die Galerie LAProjects in der Landshuter Altstadt besucht, bekommt wohl einen gewissen Kontrast zu sehen. An den Wänden hängt die Kunst der Gegenwart, die Wände selbst sind uralt. In dem mittelalterlichen Haus, über der Galerie, wohnen Jörg Ludwig und seine Frau Edith. "Das älteste in unserem Haus stammt von 1389 - die Holzdecke", sagt Galerist Ludwig. Der Erste, von dem man weiß, dass er unter dieser Decke lebte, ist Mang Schwennkh. Der Maler wohnte 1484 hier, als die Altstadt noch nicht alt war, sondern einfach nur Stadt. Goldschmiede, Schreiner, Zimmerer - die meiste Zeit lebten Handwerker hier. Doch die große Veränderung des Hauses kam nicht mit der Expertise, sondern mit dem Geld: Als später etwas reichere Leute einzogen, erhielt das Haus sein heutiges Gesicht. Barock-Fassade, Raumaufteilung und Dachstuhl gehen auf das 18. Jahrhundert zurück.

Als das Ehepaar Ludwig das Haus 2010 kaufte, war nichts mehr von altem Glanz zu sehen. Es war jahrelang leer gestanden, die Wasserleitungen waren defekt und die Dachbalken durchgefault. "Es wuchsen Bäume aus dem Dach und der Dachboden war ein Taubenfriedhof", beschreibt Ludwig den Zustand. Doch nach eineinhalb Jahren Arbeit mit Architekten, Handwerkern und dem Amt für Denkmalschutz konnten Jörg und Edith Ludwig in das Haus einziehen. Und bekamen 2014 sogar die Denkmalschutzmedaille für die Sanierung. Im Erdgeschoss eröffnete das Ehepaar die Galerie. "Damit habe ich mir einen langjährigen Traum verwirklicht", sagt Jörg Ludwig. Er will Kunst ausstellen, die für andere Kunsthäuser zu unpopulär ist. bedi

Adresse: Kirchgasse 239, 84028 Landshut, geöffnet Donnerstags von 18 bis 21 Uhr, Freitags von 11 bis 18 Uhr und Samstags von 11 bis 15 Uhr. Weitere Infos unter www.laprojects.de.

Radlerpension und Entenstall

(Foto: Clara Lipkowski)

Bad Abbach - Eines stand für Familie Schröppel von vorneherein fest. Ein Museum wollten sie aus ihrem Haus sicher nicht machen. "Dass hier vielleicht mal alle 14 Tage jemand vorbeikommt - das wär' uns zu blöd gewesen", sagt Fanny Schröppel, 58. Wenn ihr Haus also saniert werden würde, dann so, dass man es nachher auch nutzen könne.

Vor der Frage - abreißen, ja oder nein - stand die Familie aus dem Ortsteil Oberndorf 2005. Eigentlich hätte Fanny Schröppels Schwiegervater an Ort und Stelle viel lieber ein Wohnhaus gebaut. Doch das Landratsamt und der Denkmalschutz bremsten. Vorher musste eine Untersuchung der Bausubstanz her. Die ergab, dass ein großer Teil der Außenmauern auf etwa 1150 zurückdatierbar ist. Die Denkmalschützer waren in heller Aufregung: Abreißen? Undenkbar! Hier habe man es mit dem ältesten Bauernhaus Bayerns, womöglich sogar Deutschlands zu tun. Die Familie kam ins Grübeln.

In dieser Zeit kam der Hausforscher Walter Kirchner aus dem nahegelegenen Sinzing oft auf das Grundstück. Auch er wirkte auf die Familie ein, dass man so ein Haus nicht verschwinden lassen dürfe. Also bemühten sie sich um Fördermittel. In den nächsten vier Jahren sollte ein hoher sechsstelliger Betrag in die Sanierung fließen, die Familie trug davon etwa 28 Prozent. Und Kirchner dokumentierte akribisch den Fortgang der Grabungen. Eine Erkenntnis: Die mittelalterlichen Bauherren hatten die üblichen Holzwände um 1150 wohl durch Stein ersetzt, weil das häufige Hochwasser der Donau und extreme Eisstöße im Winter dem Material zusetzten. Außerdem skizzierte er die vielen Bauphasen über die Jahrhunderte und viele Details, etwa, dass ein Entenstall angebaut wurde. Ein kleines Fenster ist erhalten, durch das die Tiere ein- und ausgingen. Heute strahlen die verputzten weißen Wände im Haus, im Dachstuhl stützen Eisenträger die dunklen Holzbalken aus dem 14. Jahrhundert.

Rückblickend sind sie hier froh über die Sanierung, nur einen Makel gibt es. "Damals hat keiner daran gedacht, den Frühstücksraum zu dämmen", sagt Schröppel, "deswegen wird es im Winter trotz Fußbodenheizung nicht richtig warm." Jener Frühstücksraum dient heute Touristen, die im wohl ältesten Bauernhaus Deutschlands übernachten. So hat die Familie den Nutzen des Hauses erhalten: Die eine Hälfte der 600 Quadratmeter ist heute Radlerpension und in der anderen lebt das Paar selbst. clli

Adresse: Donaustraße 56, 93077 Bad Abbach.Anfragen, historische Infos: pensionschroeppel.de.

Adelssitz und Tankstelle

(Foto: Stadt Karlstadt/Jochen Schreiner)

Karlstadt - Wer heute die Hohe Kemenate von Karlstadt betritt, tut dies in der Regel, um Bücher zu suchen. Doch die Geschichte der Stadtbibliothek drängt sich an vielen Stellen auf: Zentral ist etwa eine Rekonstruktion des namensgebenden Kamins in einem der Säle, auf den Besucher des Lesecafés blicken. Um 1200, mit Gründung der Stadt, hatte sich wahrscheinlich eine adlige Familie aus Würzburg, die sich eine große Feuerstelle leisten konnte, die Kemenate als Wohnhaus bauen lassen. Heute zählt sie zu den ältesten erhaltenen Profanbauten Bayerns. Noch im 13. Jahrhundert wurde sie um einen Küchenrückbau erweitert, im 14. und 15. Jahrhundert um zwei Obergeschosse. Von 1638 an wandelte es sich zum Arbeiterhaus: Sattler, Schneider und Metzger zogen ein, das belegen Archivalien. In den Neunzigerjahren kaufte die Stadt das Gebäude und ließ es sanieren. Die Entscheidung war Teil der groß angelegten Renovierung der Altstadt. Die hatte der damalige Bürgermeister Karl-Heinz-Keller angestoßen. Heute ist die mittelalterliche Planstadt für Fachwerkhäuser, Türme und Tore berühmt - und Keller Träger der Bayerischen Denkmalschutzmedaille 2018.

Im Fall der Kemenate mussten für die Sanierung die Autowerkstatt und Tankstelle im Erdgeschoss weichen. Zuvor, 1990, hatte noch der Orkan Wiebke, der damals durch die Region gezogen war, das Dach abgedeckt. Während der Umbauten wurde dann das Vorder- mit dem Hinterhaus verbunden und barrierefrei gemacht. Und auch an der Fassade achtete man auf Details: Fußgänger können dort heute die Renaissancemalerei lesen: "hic habitat felicitas - nihil intret mali" - "Hier wohnt das Glück, möge das Unglück niemals eintreten." clli

Adresse: Hauptstraße 56, 97753 Karlstadt. Offen: Di, Mi, Fr: 10 bis 18 Uhr, Do: 13 bis 18 Uhr, Sa: 10 bis 13 Uhr. Infos unter karlstadt.de/stadtbibliothek.

Sensationsfund im Holz

(Foto: Elisabeth Vogl/oh)

Mitterfels - Vor 17 Jahren musste Maria Birkenauer etwas erkämpfen, wofür ihr heute der ganze Ort dankbar ist. Sie schaffte es, dass die Hien-Sölde erhalten blieb. Das Rote Kreuz wollte das unscheinbare Haus eigentlich für einen Parkplatz abreißen. Doch Untersuchungen ergaben, dass das Haus knapp 600 Jahre alt ist, erbaut aus geschichteten Holzbalken. Dass es ein solches Blockhaus in Bayern noch gibt, war eine Sensation. Anhand der Jahresringe im Holz konnten Forscher das Baujahr exakt auf 1436 bestimmen. Für das Haus haben die einstigen Bauherren junge Tannen frisch nach dem Fällen verarbeitet. Birkeneder setzte alles daran, das Denkmal zu erhalten, gründete einen Verein und bekam so Fördermittel für die Sanierung. Heute ist sogar der Grundriss des Bauernhauses von 1436 wieder gut zu erkennen: drei Kammern, eine Stube und ein Fletz (Flur) - einzigartig in der Umgebung. Mittlerweile treffen sich Kartler und Singgruppen in der Stube, der Landesverein für Heimatpflege hat sich in drei Räume eingemietet - so kann der Verein Geld zurücklegen, sollten mal Reparaturen anfallen. clli

Adresse: Burgstraße 37, 94360 Mitterfels. Besucher sind immer willkommen, eine kurze Anmeldung bei Maria Birkeneder reicht: 09961/65 55.

Schöner wohnen seit 800 Jahren

(Foto: Peter Ferstl/oh)

Regensburg - Es ist eines der ältesten Gebäude der ohnehin altehrwürdigen Stadt, ein zweites Wohnhaus wie dieses gibt es wahrscheinlich in ganz Bayern nicht mehr. Das romanische Turmhaus nahe des Kornmarktes stammt aus dem Jahr 1196. Und ist damit ein halbes Jahrhundert älter als die zahlreichen Patriziertürme, die so typisch für Regensburg sind. Die Türme bauten die Patrizier, um ihren Status zu demonstrieren - je höher, desto mächtiger. Wer das Turmhaus gebaut hat, das ist bislang ein ungelöstes Rätsel.

Heute ist es Teil des Stiftes "Unserer lieben Frau zur Alten Kapelle". Und nach wie vor ein Wohnhaus. "So wie es aufgebaut ist, hat man dort vermutlich schon immer gewohnt", sagt Bauforscher Karl Schnieringer. Die Wohnungen werden heute an Mitarbeiter des katholischen Stifts und sozial Schwache vergeben. Vor mehr als hundert Jahren kamen bei Bauarbeiten am Nachbarhaus Überreste einer römischen Halle zum Vorschein, so groß wie ein Einfamilienhaus. "Es wurde viel spekuliert, was das einmal war", sagt Lutz Dallmeier vom Amt für Denkmalpflege in Regensburg: Staatskasse, Getreidespeicher, Wohnhaus des Präfekten. "Aktuell geht man davon aus, dass die Überreste Teil einer Badeanlage waren." Unter dem Turmhaus dürften noch Überreste liegen. Das Badehaus lag im Legionslager neben dem Haus des Präfekten - ob es dessen privates war, ist jedoch nicht überliefert. An die Zeit, in der hier römische Prominenz verweilte, erinnert heute ein Türstock neben dem Haus. Das antike Relikt aus dem Jahr 179 besteht aus den Teilen von drei verschiedenen Türstöcken. Archäologen hatten die Kalksteinblöcke 1899 bei Ausgrabungen entdeckt und danach zu einem Stück zusammengesetzt. bedi

Adresse: Kapellengasse 2, 93047 Regensburg. Da es sich um ein Wohnhaus handelt, kann man es nur von außen besichtigen.