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Oberfranken: Der Gasthof der Neonazis:Braune Brüder unter sich

Ein Neonazi kauft einen Gasthof in Oberfranken, aber niemand regt sich auf - wäre doch schlimmer, wenn eine ausländische Familie einziehen würde, sagen Nachbarn.

Frederik Obermaier

Die Bewohner von Oberprex lieben die Idylle: sanfte Hügel, getaucht in das kräftige Grün der sprießenden Gerste, Vogelzwitschern, ab und zu mal ein Auto, sonst nur Natur - und am Wochenende ein paar Neonazis.

Neonazis demonstrieren zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, 2005

Im oberfränkischen Oberpex hat ein Neonazi einen Gasthof gekauft. Die Bevölkerung stört das nicht.

(Foto: dpa/dpaweb)

Ordentlich parken sie ihre Autos vor dem Haus mit der Hausnummer 47, sie schauen sich kurz um, dann verschwinden sie durch die Tür mit der Aufschrift "Privat! Kein Zutritt!". Ein "Festle" feiern die Neonazis nebenan gelegentlich, erzählt der Nachbar. "Der Tony" lade halt gern ein, sagt eine Nachbarin. Und wenn der Tony in sein Haus lädt, dann kommen Autos mit Kennzeichen aus der ganzen Republik, gelegentlich sogar aus Tschechien.

"Anständige Leute eigentlich", sagt der Nachbar. Jedenfalls parken sie nicht auf seinem Rasen oder vor seiner Einfahrt. Dass der Tony ein verurteilter Neonazi und sein Haus mittlerweile ein bekannter Neonazi-Treffpunkt ist, stört hier nur wenige. Denn im oberfränkischen Oberprex (Landkreis Hof) haben es die Rechtsextremen geschafft: Sie sind angekommen.

Im Mai 2010 hatte ein anonymer Anruf erst die Polizei, dann die Bürger aufgeschreckt: Eine 52 Jahre alte Frau aus Töpen hatte das ehemalige Ausflugslokal "Zum Egerländer" gekauft. Es war die Mutter von Tony Gentsch, der Hintermann des Immobiliendeals war ihr Sohn.

Der 27-Jährige ist in der rechten Szene bekannt: Er ist Bassist in der Rechtsrock-Band Braune Brüder und zählt zu den führenden Kadern des Neonazi-Netzwerks "Freies Netz Süd", das als Nachfolgeorganisation der seit 2004 verbotenen "Fränkischen Arbeitsfront" gilt. In der Gemeinde Regnitzlosau, zu der Oberprex gehört, konnte man mit seinem Namen dennoch nichts anfangen. "Wir wussten nicht, wer da dahintersteckt", betont Bürgermeister Hans-Jürgen Kropf (Freie Wähler). Auch das Innenministerium beharrt, nichts von dem Kauf gewusst zu haben: "Im Vorfeld hatten die staatlichen Behörden keine Kenntnis hierüber."

Der Deal war da bereits abgewickelt und Gentsch stolzer Besitzer einer Gaststätte. Schon länger hatten Neonazis in Bayern versucht, Immobilien zu kaufen. In Warmensteinach, 60 Kilometer von Oberprex entfernt, sind sie gescheitert, in Wunsiedel, wo der Hitler-Stellvertreter Rudolph Heß begraben liegt, ebenso. Nur in Oberprex waren die Neonazis erfolgreich.

Das "brauen Dorf" angucken

Das kleine Dorf, in dem alle Straßen gleich heißen - nämlich Oberprex -, war plötzlich im Fokus der lokalen Medien. Politiker kamen und sprachen von Prävention und von Verboten, ein runder Tisch wurde gegründet, der Staatsschutz warb um Informationen und Informanten. Von Schlagzeile zu Schlagzeile kamen immer mehr Autos ins deutsch-tschechische Grenzgebiet. Im Schritttempo fuhren sie durch Oberprex: das "braune Dorf" angucken, nach Neonazis Ausschau halten.

"Ein regelrechtes Public Viewing war das", ärgert sich einer der Nachbarn, der wie so ziemlich alle in Oberprex seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er will "das gute nachbarschaftliche Verhältnis" nicht gefährden. Schließlich hätte es schlimmer kommen können: "Stellen Sie sich vor, eine ausländische Familie zieht da ein, die dann Halligalli macht. Ich weiß nicht, ob das besser ist." Der Herr Gentsch achte wenigstens auf Ordnung, und höflich sei er auch.

Als er Dutzende Neonazis zur Einweihungsparty in sein neues Haus geladen hatte und die wenigen Nebenstraßen von Oberprex mit Polizeibussen vollgestellt waren, informierte der Rechtsradikale seine Nachbarn per Postwurfsendung: Linkslastige Medien und "die Antifa-Journaille" würden "Halbwahrheiten und gezielte Lügen" verbreiten. Er plane in Oberprex kein braunes Zentrum, das Gebäude werde "rein zu Wohnzwecken genutzt, wo natürlich auch mal Geburtstage gefeiert werden".

Elf Monate sind seither vergangen, die Polizei ist verschwunden, die Politiker auch, die Neonazis jedoch sind geblieben. Gentsch sitzt zwar seit April wegen Körperverletzung und Beleidigung im Gefängnis, "revolutionäre nationale Personen" kümmern sich jetzt um das Haus, heißt es auf einer Neonazi-Homepage. Die Partys gehen weiter.

Schulterzucken der Nachbarn

Mindestens vier Veranstaltungen haben Beobachter seit dem Haftantritt von Gentsch im April gezählt. Am 28. Mai etwa referierte der verurteilte Münchner Rechtsterrorist Martin Wiese in Oberprex über "seine bisherigen Erlebnisse als nationaler Aktivist in diesem System". Wiese saß sieben Jahre im Gefängnis, weil er einen Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums in München geplant hatte.

Seit er auf freiem Fuß ist, wirbt er für ein kameradschaftsübergreifendes Bündnis. Zuletzt wohl auch in Oberprex. Am vergangenen Samstag trafen sich die Neonazis wieder. Als die Sonne unterging, standen acht Autos vor der ehemaligen Gaststätte. "Wenn dort Veranstaltungen sind, haben wir natürlich ein Auge drauf", heißt es dazu im Polizeipräsidium Hof. Und die Feier am Samstag? "Da ist nichts bekannt." Auch Bürgermeister Kropf wiegelt ab: "Da deutet nichts darauf hin."

Einige hundert Meter von Gentschs Haus entfernt, im Gasthaus "Zur Linde", wird die Nachricht mit einem Schulterzucken quittiert. Die Handvoll Gäste widmet sich lieber dem selbstgemachten Fichtengelee der Wirtin. Über die Neonazi-Nachbarn reden sie nicht gern.

"Warum auch? Solange sie uns nichts tun." Außerdem habe "der Gentsch" aus einem Schandfleck wieder "was Ansehnliches" gemacht. Geweißelt hat er und Gitter an die Fenster geschraubt - die sollen wohl vor Antifaschisten schützen. Gut so, sagen viele in der "Linde".

Gegen die Neonazis wollen sie lieber nicht demonstrieren. Das mache nur Schlagzeilen, womöglich komme gar die linke Antifa. "Heiligs Blech, dann wär' hier was los."

© SZ vom 20.06.2011/wib
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