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Ausstellung des Alpenvereins:Berg Heil!

Der Titel ist Programm: Das Alpin-Museum in München beschäftigt sich in der Ausstellung "Berg Heil!" mit der Geschichte des Alpenvereins. Die Verantwortlichen wollen damit eine Debatte provozieren - über die deutsch-nationale und offen antisemitische Vergangenheit.

Als er ein Bub war, so erinnert sich der Extrembergsteiger Stefan Glowacz, da war der Bergsteigergruß "Berg Heil!" wie ein Ritterschlag für ihn, das Symbol schlechthin für die Zugehörigkeit zu einer verschworenen Gemeinschaft. Inzwischen benutzt der 41-jährige Garmisch-Partenkirchner den Gruß nicht mehr. Auch für viele andere Bergsteiger klingt "Berg Heil!" allzu sehr nach den Naziparolen "Sieg Heil!" und "Heil Hitler!", obwohl der Berggruß sehr viel älter ist als die Parolen.

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Eine Ausstellung im Alpin-Museum in München zur Geschichte des Alpenvereins in den Jahren 1918 bis 1945.

(Foto: dapd)

Der Wiener Bergsteiger August von Böhm soll "Berg Heil!" erfunden haben, als er im Jahr 1881 mit den beiden Alpinisten Emil und Otto Zsigmondy und Ludwig Purtscheller den 3476 Meter hohen Olperer in den Zillertalern bestiegen hat.

"Berg Heil!" heißt auch die Ausstellung im Alpinen Museum in München, in der sich die Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und Südtirol erneut mit ihrer Geschichte in den Jahren 1918 bis 1945 auseinandersetzen. Der Titel ist Programm. Die Ausstellungsmacherin Friederike Kaiser und ihr Team, aber auch der Vorstand des Deutschen Alpenvereins (DAV) um den Präsidenten Josef Klenner wollen gezielt eine neue Debatte über die deutsch-nationale und spätestens ab den frühen 1920er Jahren offen antisemitische Vergangenheit des Alpenvereins provozieren. "Denn das Thema hat sich nicht erledigt", sagt Kuratorin Kaiser, "vor allem die Frage, warum der Alpenverein so früh und so massiv deutsch-nationale Parolen vertreten hat, wird uns noch sehr beschäftigen."

Dass der Alpenverein tief in den Nationalsozialismus verstrickt war, ist nicht neu. Seit den 1980er Jahren wurden immer wieder Aufsätze und Studien publiziert, in denen Historiker, aber auch DAV-Autoren das dunkelste Kapitel des schon damals größten Bergsteigervereins der Welt thematisierten. Zur Eröffnung des Alpinen Museums gab es bereits eine kleine Ausstellung über den Alpenverein in der Nazizeit.

2001 verabschiedete der DAV seine "Proklamation gegen Intoleranz und Hass", in der er sich dafür entschuldigte, dass er seinen jüdischen Mitgliedern keinen Schutz geboten hatte. Am Haus des Alpinismus und an einigen Berghütten wurden "Denk-Steine" mit der Plakette "Gegen Intoleranz und Hass" angebracht. Natürlich zeugen auch in der neuen Ausstellung zahlreiche Exponate von dieser Verstrickung. Die Wolldecke mit dem Schriftzug "Hermann Göring Haus" etwa, die aus der Martin-Busch-Hütte in den Ötztaler Alpen stammt und noch viele Jahre nach der Nazizeit in Gebrauch war. Den Schriftzug hatte man unsichtbar gemacht, indem man eine Stoffbahn auf die Decke aufnähte.

Das eigentlich Verstörende an der Schau sind die Abteilungen, in denen es um die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg geht. Schon damals - lange bevor die Nazis an die Macht gelangten - waren im Alpenverein ein extremer Deutsch-Nationalismus und Antisemitismus weit verbreitet. "Der Alpenverein wurde zum Träger deutschnationaler und deutschvölkischer Ideen, er grenzte jüdische Bergsteigerinnen und Bergsteiger weit vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus", sagt DAV-Präsident Klenner. So wurde bereits in den Jahren ab 1891 in einzelnen Sektionen ein sogenannter Arier-Grundsatz verabschiedet - auf seiner Basis schlossen nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr Sektionen ihre jüdischen Mitglieder aus.

Damit nicht genug, wie die sogenannte Affäre Donauland zeigt. Die Gründung der Sektion Donauland 1921 war die Antwort der jüdischen und jüdisch-stämmigen Bergsteiger auf den "Arier-Grundsatz". Postwendend prangten an vielen Alpenvereinshütten Plakate mit der Aufschrift: "Juden und Mitglieder des Vereins Donauland sind hier nicht erwünscht." Die Antisemiten drängten so lange auf den Ausschluss der Sektion Donauland aus dem Alpenverein, bis ihnen am 14. Dezember 1924 eine außerordentliche Hauptversammlung in München darin folgte und die Sektion Donauland aus der Dachorganisation verbannte.

So beklommen einen Ausstellung und Fachbuch machen, der Alpenverein hat es dabei nicht belassen. Auch in der aktuellen Nummer seiner Mitglieder-Zeitschrift Panorama thematisiert er seine deutsch-nationale und antisemitische Vergangenheit. Und zwar so offen, dass die Kontroverse nicht nur um den Berggruß eingesetzt hat, bevor die Schau an diesem Mittwoch eröffnet wird.

"Berg Heil! - Alpenverein und Bergsteigen 1918 bis 1945" 24. November 2011 bis 24. Juni 2012, Alpines Museum München, Di bis Fr. 13 bis 18 Uhr. Sa. und So. 11 bis 18 Uhr. Das gleichnamige Buch ist im Böhlau-Verlag erschienen. Im Buchhandel kostet es 43,50 Euro (ISBN 978-3-412-20830-1), Alpenvereinsmitglieder zahlen 34,90 Euro (ISBN 978-3-412-20836-3).

© SZ vom 23.11.2011/bica

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