Skoda Octavia Gutes muss nicht teuer sein

Qualität auf Golf-Niveau, viel Platz, kleiner Preis - dieses Auto geriert sich als ein echter Volks-Wagen.

Von Von Christian Steiger

Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte, die nur zufällig in Böhmen spielt. Viel besser würde sie in eine amerikanische Teenie-Schnulze passen - einer der Filme, dessen junge Hauptdarstellerin im falschen Viertel der Stadt geboren, arm und begabt ist und sich vom Blaustrumpf zum Superstar aufschwingt, bis keines der Establishment-Kids mehr zu lachen wagt.

Octavia anno 2004 mit Nebellicht

(Foto: Foto: Skoda)

Genau so ist es Skoda mit dem Octavia gegangen: Auf mehr als eine Million Exemplare hat es dessen erste Auflage seit 1996 gebracht. Und spätestens im Juni, wenn die neue Limousine bei den Händlern steht, brauchen VW- und Opel-Verkäufer sehr ordentliche Argumente, um die Preise von Golf und Astra zu erklären.

Zuladungs-Könner

Denn der Octavia unterbietet, wie schon sein Vorgänger, beide. Auf dem Preisschild der Basis-Version mit 1,4-Liter-Motor und 55 kW (75 PS) werden 14.490 Euro stehen. Und dafür ist der Octavia ein Vollwert-Auto, das die Dimensionen seiner Klasse mit 4,57 Metern Außenlänge (Golf: 4,20 Meter) und einem Kofferraum von 560 Litern Ladevolumen (Golf: 350 Liter) sprengt; selbst die Mercedes-E-Klasse fasst 20 Liter weniger. Bei umgeklappter Rückbanklehne wächst der Stauraum sogar auf 1350 Liter, 660 Kilogramm Zuladung sind erlaubt.

Viel Platz fürs Gepäck hatte zwar auch der Ur-Octavia schon - auf seiner Rückbank hingegen ging es stets etwas eng zu, womit er seine Golf-IV-Gene nicht wirklich verleugnen konnte. Die Neuauflage allerdings steht auf der Plattform des aktuellen Golf V, der nun im Fond ebenfalls ein deutliches Mehr an Bewegungsfreiheit bietet - und auch aus dem Octavia ist mit fast sieben Zentimetern mehr Radstand ein brauchbares Auto für vier Erwachsene geworden.

Alles andere als asketisch

Vorne bietet er ohnehin großzügige Platzverhältnisse; zierliche wie massive Fahrernaturen finden dank des großen Verstellbereichs von Lenkrad und Sitz ihre entspannte Arbeitsposition. Das Armaturen-Layout lösten die Designer auf markentypisch unverspielte Art: klar, übersichtlich und ohne ergonomische Schwächen. Lediglich die Regler für die Heizung liegen einen Hauch zu tief, die Ziffern der Rundinstrumente sind etwas klein. Dafür aber ohne Finish-Rückstand zum Golf; und die Annahme, dass ein Skoda immer etwas asketischer wirken müsse als die Premium-Produkte der Konzernmutter, gehört mit dem neuen Octavia der Vergangenheit an.

Im Gegenteil: Der Octavia ist auch bei strengem Hinsehen um keinen Deut weniger akkurat verarbeitet als die fünfte Golf-Generation. Zwar fehlt den Haltegriffen die lautlose Eleganz der Silikon-Dämpfung - dafür aber fassen sich manche der Kunststoff-Installationen freundlicher an als ihre Gegenstücke im teureren Golf.

Golf im XL-Format

Und viele kleine Details erzählen, wie nah das Pragmatiker-Label mittlerweile dem Verwöhnaroma der gehobenen Mittelklasse kommen darf: Da gibt es - ab der Ambiente-Ausstattung - etwa metallene Türgriffe, die mit Handschmeichel-Plastik hinterlegt sind, eine Heckklappen-Innenverkleidung, deren weicher Kunststoff auch im Audi A6 nicht unangenehm auffallen würde, oder gleich vier Kleiderhaken im Fond: Zwei davon wachsen auf halber Höhe aus den B-Säulen, damit das Sakko des Fahrers nicht seinen Schulterblick beim Überholen stört. So ist der neue Octavia also kein Kind des Mangels, sondern ein Golf im XL-Format, dessen Preis noch immer vom niedrigeren Lohnniveau der tschechischen Republik profitiert.

Und so zieht der Octavia von Anfang Juni an nicht nur mit den bekannten Motoren seines Organspenders in die Schauräume ein, sondern bekommt gegen Aufpreis für die TDI-Modelle auch dessen automatisches DSG-Getriebe und viele andere Ausstattungs-Features mit - unter anderem die Zwei-Zonen-Klimaautomatik oder das Reifendruck-Kontrollsystem.

Die Motorenpalette beginnt beim 1,4-Liter-Benziner mit 75 PS - bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 1890 Kilogramm wird sich der Käufer des Basis-Motors allerdings wünschen, die Welt sei eine flache Scheibe.

Noch kein Rußpartikelfilter

Passender scheint die Wahl zwischen den beiden 1,6-Liter-Benzinern - mit 75 kW (102 PS), als FSI mit 85 kW (115 PS) - oder den TDI-Triebwerken mit 77 und 103 kW (105 und 140 PS). Letztere erreichen vorerst allerdings nur die EU3-Abgasnorm, einen Rußpartikelfilter will Skoda erst 2005 anbieten. Der 2.0 FSI-Benziner mit 110 kW (150 PS) kommt im Herbst ins Spiel, dann zeigt Skoda auch den neuen Octavia Kombi, der im Februar 2005 an den Verkaufsstart gehen soll.

Erste Fahreindrücke von der Octavia-Limousine mit 105-PS-Dieselmotor: Der schärfste Konkurrent des neuen Golf kommt nicht aus Bochum, sondern aus Böhmen. Das Common-Rail-Triebwerk arbeitet mit vernehmlicher Aussprache, ist aber offenbar gründlicher gedämmt als im Wolfsburger Mutter-Modell und klingt kultivierter. Die elektromechanische Lenkung ist leichtgängig und spricht sensibel an, das Sortieren der Gänge gelingt präzise und mit kurzen Schaltwegen.

Etwas weniger agil

Im Vergleich zum kürzeren und leichteren Golf wirkt der Octavia besonders bei schneller Kurvenfahrt etwas weniger agil, nähert sich dem Grenzbereich aber mit gutmütigem Untersteuern und sanftem Eingriff des optionalen ESP (300 Euro). Eine Sänfte ist er nicht, die Fahrwerks-Auslegung geriet eher straff, ohne aber in knöcherne Trockenheit zu driften; nur wirklich grobe Verwerfungen reicht der Octavia mäßig gefiltert weiter. Skoda verspricht für den 1.9 TDI einen ECE-Verbrauch von 5,0 Litern Diesel.

Fazit: Der Octavia ist wie gemacht für eine Zeit, die Armani-Sakkos in Outlet-Centern hängen lässt und Designermöbel mit kleinen Fehlern besonders begehrenswert macht. Und für ganz harte Pfennigfuchser halten die Tschechen noch ein Angebot bereit: Der alte Octavia soll neben dem neuen noch anderthalb Jahre im Programm bleiben - zum Kampfpreis, damit auch bei den Koreanern keiner mehr lacht.