Silberpfeil und das Lack-Gerücht Das Ende der Legende

Den entscheidenden Hinweis liefert die ADAC-Bibliothek in München. Dort liegen die Original-Ausschreibungen für das Eifelrennen am 3. Juni 1934 und den "Großen Preis von Deutschland" am 15. Juli 1934 vor. Beide Rennen fanden auf dem Nürburgring statt. Auf Seite zwei der Ausschreibung zum deutschen GP über 25 Runden heißt es: "Zugelassen sind nur Rennwagen, die der internationalen Rennformel der AIACR, gültig für 1934-1936 entsprechen."

Am 15. Juli 1934 dürfen die Rennwagen also maximal 750 Kilogramm wiegen. Alles andere, auch die Hubraumgröße des Motors, ist bei dieser Rennwagenformel frei. Beim Eifelrennen, sechs Wochen zuvor, handelte es sich hingegen laut Ausschreibung um ein "Rundstreckenrennen", das für "Kraftwagen bis 1500 ccm" über zwölf Runden und für "Kraftwagen über 1500 ccm" über 15 Runden ausgeschrieben wurde. Das Höchstgewicht der 750-kg-Rennformel spielte beim Eifelrennen 1934 also gar keine Rolle.

Diese Tatsache erklärt denn auch, warum auf zeitgenössischen Fotos von der Abnahme der "Kraftwagen" am 2. Juni 1934 sowohl die Mercedes-Benz W25 als auch die Auto-Union-Wagen mit montierten Reifen auf der Waage standen. Wenn es wirklich darum gegangen wäre, beim Eifelrennen das zulässige Höchstgewicht von 750 kg nicht zu überschreiten, hätten die armen Mercedes-Benz-Rennmechaniker einfach die Gummipneus entfernen, aber keinesfalls den Lack abkratzen müssen.

Laut Ausschreibung des Eifelrennens von 1934 wäre ein solcher "Farbwechsel" sogar Grund für eine Disqualifikation gewesen: "Während des Trainings müssen die Fahrzeuge in der für das Rennen vorgesehenen Ausrüstung (mit Startnummern) fahren."

Auch das Avus-Rennen 1934 wurde nicht nach der neuen 750-kg-Rennformel ausgetragen: Die Ausschreibung entsprach sogar jener des Avus-Rennens von 1932, das Manfred von Brauchitsch mit einem silbernen, etwa 1300 kg schweren Mercedes-Benz SSKL gewonnen hatte. Ein Gefährt, das von Rundfunkreporter Paul Laven in seiner Direktübertragung von der Avus damals als "silberner Pfeil" bezeichnet wurde. Übrigens ohne dass sich die Rennfunktionäre damals darüber beklagt hätten, dass die "deutsche Rennfarbe" eigentlich Weiß sein müsste.

Wieso hat Alfred Neubauer das Märchen vom Lackabkratzen in die Welt gesetzt? In seinen Erinnerungen hat er noch ganz andere Dinge dazu erfunden, doch offenbar will man dem Vater der Silberpfeil-Rennsiege bis heute nicht widersprechen. Das Vorbild für seine Story vom abgekratzten Lack mag Neubauer bereits im Jahr 1951 in seinem Büchlein mit dem Titel "Heute lacht man darüber!" zum Besten gegeben haben.

Dort streift er im Kapitel "Oh - diese Gewichtsformeln!" kurz die 750-kg-Rennformel, ohne mit einer Silbe das Eifelrennen 1934 zu erwähnen. Stattdessen zitiert er aus einer "lustigen Artikelserie", die anno 1906 in der Zeitschrift L'Auto veröffentlicht wurde: "So musste einmal vor zwei oder drei Jahren ein Fahrer, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist, die Lackierung von seinem Wagen herunterkratzen, um ein oder zwei Kilogramm zu gewinnen."