Rüsselsheim Wo warst du, Adam?

Autokrise 2008

Abbruch in Detroit

Rüsselsheim wirkt wie eine Stadt ohne Gedächtnis. Dabei ist die Stadt randvoll mit Erinnerungen und Erzählungen gefüllt. Kaum aufzuzählen, was allein am Bahnhof und in seiner nahen Umgebung alles geschah: Schicksalsort von Ankünften und Abschieden, Schauplatz einer von Bevölkerung und Werksangehörigen gefeierten Durchfahrt Adolf Hitlers, Ort der Deportation der Rüsselsheimer Juden, Ort des Massakers an acht amerikanischen Kriegsgefangenen durch eine Hetzmeute, Ort der Ankunft von Zwangsarbeitern und späterhin von Fremd- und Gastarbeitern aus ganz Europa, Stätte des schwersten deutschen Zugunglücks vor Eschede im Jahr 1990, Schauplatz einer blutigen Schießerei auf offener Straße, bei der im Herbst vorigen Jahres drei Menschen ums Leben kamen ...

Im Jahr 1902, als Opel bereits ein Großbetrieb war, zählte Rüsselsheim noch 97 Bauernhöfe

Länger zurück reicht das Gedächtnis mancher Straßen und Gassen des einstigen Arbeiterdorfs. Namen wie "Im Geiersbühl" und "Grabenstraße" und ineinander verschachtelte Häuser mit ummauerten Höfen lassen die alten dörflichen und agrarischen Strukturen erkennen, die sich unter der rapiden Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufzulösen begannen, während die Bewohner immer dichter aufeinander rückten. Doch selbst im Jahr 1902, als Opel bereits ein Großbetrieb war, zählte Rüsselsheim noch 97 Bauernhöfe. Vorwiegend bäuerisch wirken auch die Gesichter der Menschen auf den historischen Gruppenfotos von Opel-Belegschaften. Mit anderen Zeugnissen der Industriearchäologie sind sie im lokalen Stadt- und Industriemuseum zu studieren: Während eine Aufnahme aus dem Jahr 1876 noch feiste Vollbartträger zeigt, die Bierkrüge stemmen und Lehrlinge traktieren, überwiegen auf den Gruppenporträts von Werksangehörigen aus der Zeit um 1900 die müden, bleichen Gesichter, deren Augen wie von einem erlittenen Trauma zu sprechen scheinen.

Um 1900 wurden in Rüsselsheim auch die ersten Arbeiterwohnquartiere in serieller Bauweise errichtet: unverputzte einstöckige Backsteinbauten, die im Erdgeschoss - zwei Zimmer, Küche und Kammer - eine Arbeiterfamilie aufnehmen konnten. Die winzige obere Etage wurde gewöhnlich an Wochenendpendler vom Lande vermietet, deren Miete zu den Einkünften des Eigentümers beitrug, der sein kleines Haus mit einem Kredit erworben hatte - einer enormen Verschuldung, die den Arbeiter auf Gedeih und Verderb an das Werk kettete. So schuf Opel sich seine disziplinierte Stammarbeiterschaft, die in eine Mischwirtschaft eingebunden war. Denn auch die Bewohner dieser Häuser kamen zumeist vom Land, und hinter dem Haus gab es meist noch einen Nutzgarten, in dem Schweine, Gänse und Hühner gehalten wurden. In Rüsselsheim sind noch ganze Straßenzüge mit diesen kleinen Arbeiterhäusern erhalten. Wie auch die Bauernhöfe werden sie heute vor allem von Migrantenfamilien bewohnt. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, andere auch aus Griechenland.

Und auch der Jazz wird in Rüsselsheim noch immer gespielt, nicht weit von hier, in der Mainstraße, die direkt zur Mainpromenade - Rüsselsheims einladendster Zone - führt, und im Wechsel mit Hard-Rock und Heavy Metal: In dem von Jugendlichen stark frequentierten kleinen Kulturzentrum mit Namen "das Rind" ist einmal in der Woche "Jazzcafé" als fester Bestandteil eines Projekts "Jazzfabrik". Was diese Fabrik allerdings von Opel in Rüsselsheim unterscheidet: Sie hat keinen festen Standort, sondern produziert ihre Töne mal hier und mal da.