Rüsselsheim Wo warst du, Adam?

Kein Bürgertum, keine städtische Öffentlichkeit, keine Urbanität im Sinne eines bewussten gesellschaftlichen Verhaltens, mit Orten, die solchem Verhalten einen sichtbaren und zugänglichen Platz einräumten. In Rüsselsheim ist im Prinzip alles da, nur ist nichts am Platze: Theater, Volkshochschule, Bibliothek wurden an der Peripherie errichtet, wo ohne Fahrzeug kein Mensch hinkommt. Mit anderen öffentlichen Einrichtungen liegen sie innerhalb einer zum - horribile dictu - "Infrastrukturgürtel" erklärten Zone, die zu einer Zeit konzipiert wurde, als die Planer noch mit unbegrenztem Wachstum und dem Wohnraumbedarf von 100.000 Einwohnern rechneten, wohingegen es seit dem Ende der sechziger Jahre fast konstant bei rund 60.000 geblieben ist. Gemeint war, dass die Mitte, deren die Stadt entweder keine besaß oder die man gerade erst demoliert hatte, entlang der Ränder über die Suburbia verteilt werden sollte, mit großzügigen Parkplatzanbindungen, versteht sich.

Kooperationspartner für Opel

Wer mag Opel?

Der eigentliche Mittelpunkt, der Magnet der Stadt, war das Werk, und das Werk war die Stadt. Rüsselsheim war Opel, und Opel war Rüsselsheim - die Betonung liegt auf "war", denn die Gleichung ist längst obsolet. Eigentlich sind es heute zwei Städte, genauer zwei "Nicht-Städte", die trotz einer gemeinsamen Geschichte und mannigfacher Abhängigkeiten mehr oder minder beziehungslos einander gegenüberstehen.

Adam Opels kleine Werkstatt für Nähmaschinen profitierte schon bei seiner Gründung von der Nähe zur am anderen Ende der angrenzenden Marktstraße im selben Jahr 1862 errichteten Bahnlinie. Der Geburtshelfer für die Expansion und die Verlegung des Werks direkt an die Bahn, wo in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhofsgebäude und im selben rustikalen Backsteinstil der Region dann 1868 das erste Fabrikgebäude errichtet wurde, waren die Massenschlächtereien im preußisch-österreichischen Krieg von 1866, die damals die Produktion von Uniformen ankurbelten.

Bei der Nachbarschaft von Bahnhof und historischen Werksgebäuden ist es bis heute geblieben - nur dass das alte und im baulichen Nukleus originale Bahnhofsgebäude vor wenigen Jahren abgerissen wurde, um einem gläsernen Servicezentrum mit Geschäften und Büros Platz zu machen, dem aber genau das fehlt, was einen Bahnhof als Tor zu einer Stadt ausmacht: das Empfangsgebäude. Dafür schließt sich als hypertrophes Zeichen für eine Pseudo-Dynamik, die am Ort kein rechtes Ziel mehr kennt, eine futuristisch geschwungene, hohe und langgezogene hölzerne Dachkonstruktion als Busbahnhof an. Sie unterstreicht auf ihre Weise, dass Rüsselsheim eine Pendlerstadt ist mit der weit und breit höchsten anteiligen Zahl an Aus- wie Einpendlern: 74 Prozent der in Rüsselsheim - das heißt bei Opel oder anderswo - Beschäftigten pendeln täglich ein, und 55 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Rüsselsheims pendeln regelmäßig aus und gehen einer Beschäftigung anderswo nach, vorzugsweise am Frankfurter Flughafen. Auch dadurch haben sich die lokalen Bande zwischen dem Werk und der Stadt gelockert.

Opel Insignia 2.0 Turbo 4x4

Messias mit kleinen Fehlern