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Oldtimer mit Patina:Alte Liebe rostet

Gebrauchsspuren am Oldtimer liegen im Trend

Dieser Oldtimer der Marke Safe gilt unter Experten als authentisch erhaltes Fahrzeug. Er steht derzeit im Museum des Oldtimer-Forums Pantheon Basel.

(Foto: dpa-tmn)

Mit Oldtimern ist es manchmal wie mit Jeans: Gebrauchsspuren sind erwünscht, der individuelle Look zeugt von Authentizität. Das geht so weit, dass sogar Patina künstlich erzeugt wird - um den Preis in die Höhe zu treiben.

Kratzer und Dellen, verblichener Lack, brüchige Vinyldächer oder schlichtweg Rost: Die Young- und Oldtimerszene diskutiert derzeit intensiv darüber, was erhaltenswerte Originalität ist und was nicht mehr als charmante Patina durchgeht. Vor einer Restaurierung entscheidet letztlich der Besitzer, ob Gebrauchsspuren erhalten bleiben oder die Preziose wie im ursprünglichen Neuzustand erstrahlen soll.

"Es gibt viele Schattierungen zwischen Restaurierung und Patina-Erhalt", sagt Gundula Tutt, die sich als Restauratorin mit der Frage der Authentizität immer wieder eingehend beschäftigt. Nicht auf alles, was alt ist, sei der Begriff Patina anwendbar. Man müsse dies immer individuell sehen, je nach Auto oder Besitzer, so die Geschäftsführerin die Firma Omnia, die sich in Vörstetten-Schupfholz nahe Freiburg auf die Restaurierung von Oldtimern spezialisiert hat. "Patina ist das, was durch den normalen Gebrauch und die normale Alterung entsteht. Dazu gehört unter anderem, dass Leder sich mit der Zeit abreibt", erläutert die Expertin. Ein Unfallschaden wie ein verbeulter Kotflügel oder nach einer Beschädigung durchrostete Stellen im Blech gehören nicht dazu.

Kleine Risse sind vollkommen normal

Doch wie sieht es mit sogenannten Scheunenfunden aus? Wie kann hier beurteilt werden, ob das Fahrzeug restaurierungsbedürftig oder erhaltenswert ist? "Patina entsteht auf dem originalen Material", erklärt die Expertin. "Wenn es kleine Risse bekommt, ist das normal." Schmutz könne dagegen entfernt werden. In vielen Fällen sind Komplettrestaurierungen nicht notwendig. "Wenn ein Fahrzeug einen kleinen Schaden hat, muss man nicht das ganze Auto neu lackieren", meint Gundula Tutt. "Wichtig ist nur, dass man mit dem Originallack verträgliche Materialien einsetzt, also etwa einen Nitrolack mit demselben Material beilackiert."

Oldtimer-Restauratorin Gundula Tutt bei der Arbeit

Gundula Tutt in ihrem Element: Als Oldtimer-Restauratorin hat sie sich schon öfter mit der Frage beschäftigt, was an einem alten Auto erhaltenswert ist oder ein Schaden, der behoben werden sollte.

(Foto: dpa-tmn)

Moderne Materialien sind für eine Patina erhaltende Restaurierung normalerweise nicht geeignet. Der Idealfall ist, dass die Spuren, die aus dem Leben des Fahrzeugs erzählen, erhalten bleiben. Dabei gilt aber auch bei den Oldtimern: Manchmal gibt es mehr Schein als Sein. Immer öfter sichten Fachleute auf Oldtimer-Messen wie der Techno Classica in Essen oder der Bremen Classic Motorshow sowie im privaten Handel künstlich erzeugte Patina. Es wird nur so getan, als trage das Fahrzeug Lebensspuren. "Da wird etwas - wie im Landhausstil - als gefällige und ansprechende Aura aufgetragen."

Originalsubstanz als selbstverpflichtende Aufgabe

Expertin Tutt kann Fälschungen erkennen - zum Beispiel wenn es verdächtig gleichmäßig runde Polierstellen gibt, die so in einem Autoleben nie entstanden wären. Wird Patina nur vorgetäuscht, verstößt das im Grunde gegen die Charta von Turin. Das ist ein Ende 2012 beschlossener Orientierungs-Leitfaden zur Erhaltung automobilen Kulturguts, der die bestmögliche Erhaltung von Originalsubstanz als eine selbstverpflichtende Aufgabe anpeilt. Wird gefälscht, um den Preis in die Höhe zu treiben, bekommt die Angelegenheit eine andere Dimension. Tutt findet solches Vorgehen "mehr als fragwürdig".

Welches finanzielles Potenzial die Gebrauchsspuren eines Autos bergen können, zeigt ein unrestaurierter Mercedes-Benz Flügeltürer. Er brachte kürzlich bei einer Auktion über eine halbe Million Dollar mehr als ein restauriertes Exemplar des gleichen Autos. Die neue Wertschätzung ehrwürdiger Gebrauchsspuren erfordert jedoch erhöhte Aufmerksamkeit. "Wer einen Oldtimer mit Patina kaufen möchte, sollte genau hinsehen", rät Mario De Rosa, Vorsitzender des Vereins Initiative Kulturgut Mobilität: "Dreck, Schäden und Materialien wie alte Aufkleber müssen in Augenschein genommen werden." Wer nicht zwischen sogenannter gemalter und echter Patina unterscheiden kann, sollte dringend den Rat eines Experten hinzuziehen.

"Das Auto ist und bleibt größtenteils ein Statussymbol"

Grundsätzlich bewertet der Oldtimer-Fachmann den Trend zum Erhalt der Patina bei Autos aber positiv. "Die Angleichung an das historische Gesamtbild soll zur gängigen Methode werden", findet De Rosa. "Solange die Patina echt ist und nicht aufgetragen, ist daran nichts zu bemängeln - eher im Gegenteil: Das ist für die Branche eine Respektsbekundung gegenüber dem automobilen Kulturgut." Zugleich schätzt der Experte, dass Hochglanzautos weiterhin beliebt bleiben: "Das Auto ist und bleibt größtenteils ein Statussymbol. Menschen wollen sich mit dem Perfekten, dem Schönen umgeben."

Das abgegriffene Lenkrad eines Oldtimers

Gebrauchsspuren wie diese erzählen von einem langen Autoleben und gehören zur erhaltenswerten Patina.

(Foto: dpa-tmn)

Auch bei Prüforganisationen wie dem TÜV wird das Thema Patina derzeit heiß diskutiert. "Es gibt mittlerweile Kontroversen bei der H-Zulassung", klagt Matthias Gerst, Oldtimer-Spezialist des TÜV Süd. "Immer wieder kommen schlecht oder gar nicht restaurierte Fahrzeuge zur Begutachtung. Leider meinen ein paar Zeitgenossen, dass auch ein verbeultes, verrostetes und vergammeltes Fahrzeug ja nur seine Patina zeigt."

Interpretationsspielraum ist erwünscht

Ein Anforderungskatalog des TÜV legt die Arbeitsanweisungen bei der Zuteilung eines H-Kennzeichens fest. Darin heißt es, dass "nur leichte, für kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut angemessene Gebrauchsspuren vorliegen dürfen". Das äußere Gesamterscheinungsbild des Fahrzeugs habe dem einstigen Originalzustand zu entsprechen. Laut Matthias Gerst ist der Interpretationsspielraum durchaus erwünscht. In der Regel sind die kontroversen Standpunkte oberflächlicher Natur. "Ein 30 Jahre alter Lack kann original und gepflegt sein, aber durchaus ein wenig verblasst oder gar etwas stumpf aussehen", beschreibt Mathias Gerst ein häufiges Beispiel. "Ich würde dann zwar keine Neulackierung empfehlen, jedoch ein behutsames Aufbereiten der Originalsubstanz."

Opel Olympic Caravan von 1956

Der TÜV beklagt, dass immer wieder Besitzer von schlecht gepflegten Fahrzeugen zur Begutachtung vorfahren, um ein H-Kennzeichen zu erhalten. Dieser zugelassene Opel Olympia Caravan von 1956 würde wohl keins bekommen.

(Foto: dpa-tmn)

Er selbst würde in einem solchen Fall das H-Kennzeichen nicht verweigern. "Es spielen natürlich die zusätzlichen Faktoren im Anforderungskatalog eine Rolle", erläutert der TÜV Süd-Ingenieur weiter. "Das A und O jedoch sind die funktionstüchtige Technik, sachgemäße Instandsetzung von verschlissenen Teilen, und der Eindruck, dass das Fahrzeug gepflegt wird."