Personalmangel im Nahverkehr Lok und Lockenwickler

Auch in Mannheim (hier der Wasserturm) soll das Angebot im Nahverkehr deutlich ausgebaut werden.

(Foto: N. Haubner/RNV)

Viele Verkehrsbetriebe tun sich schwer damit, genügend Fahrer zu finden. Nun werben sie verstärkt um frische Kräfte.

Von Marco Völklein

Der Vater von Kismet Aksu betreibt einen Kiosk an einer zentralen Straßenbahnhaltestelle in Mannheim. Je nachdem, welche Schicht die 30-Jährige gerade fährt und auf welcher Linie sie gerade unterwegs ist, hält ihr Vater regelmäßig Ausschau nach seiner Tochter. "Er ist mächtig stolz auf mich", sagt die Straßenbahnfahrerin. Eine junge Frau, dazu noch mit Migrationshintergrund, im Steuerstand einer tonnenschweren Bahn. "Am Anfang", sagt Kismet Aksu, "war mein Vater sehr skeptisch."

Das aber legte sich rasch. Seit zehn Jahren ist Kismet Aksu für den örtlichen Verkehrsbetrieb, die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV), in Mannheim unterwegs. Zunächst hatte sie einen Bürojob gelernt, dann aber rasch gemerkt: "Ich will Straßenbahn fahren." Das große Fahrzeug, der Kontakt zu den Kunden - das hatte sie gereizt. Und: "Jeder Tag ist anders." So wechselte sie zur RNV. Drei Monate dauerte die Ausbildung in der firmeneigenen Fahrschule, dann ging es raus ins Netz.

Verkehrsbetriebe locken Quereinsteiger

Eine Quereinsteigerin wie Aksu ist nicht nur im Mannheimer Nahverkehr gefragt. Überall in der Republik suchen Verkehrsbetriebe Personal nicht nur für U-Bahnen und Straßenbahnen, sondern auch Busfahrer und Lokführer. Dabei setzen sie verstärkt auf Quereinsteiger und Frauen. In Essen klebt die Ruhrbahn seit Kurzem Plakate in mehreren Sprachen, um Busfahrer zu finden. In München wirbt der Verkehrsbetrieb mit dem Slogan "Mehr Leben" um Mitarbeiter. Bilder zeigen Menschen, die ihre Freizeit genießen - etwa am Baggersee. Im Text verspricht der Betrieb eine "hervorragende Dienstplangestaltung", die genügend freie, gut planbare Zeit lasse. Und in Ostbayern hat der Bahnbetreiber Agilis auf seine Triebzüge folgenden Spruch pinseln lassen: "Lok und Lockenwickler passen nicht zusammen?

Straßenbahnfahrerin Kismet Aksu.

(Foto: N. Haubner/RNV)

Bei uns schon!" Der Bedarf an Fahrpersonal ist enorm. Doch an der Situation seien die Firmen mitschuldig, sagt Mira Ball von der Gewerkschaft Verdi. Wegen des wirtschaftlichen Drucks galt in vielen kommunalen Betrieben über lange Zeit Einstellungsstopp, andere gliederten den Fahrbetrieb in Tochterfirmen mit einem deutlich niedrigeren Gehaltsniveau aus. So auch in Mannheim. Die RNV wurde vor vielen Jahren als Gemeinschaftsfirma mehrerer Verkehrsbetriebe in der Rhein-Neckar-Region gegründet, um vor allem die Kosten (und das meinte: die Löhne) zu drücken. Nun wechseln in den kommenden Jahren viele altgediente Fahrer in den Ruhestand - und müssen durch junge Kräfte ersetzt werden. Außerdem wollen viele Städte in den kommenden Jahren das Angebot bei Bussen und Bahnen teils deutlich ausbauen, um ihre Verkehrsprobleme in den Griff zu kriegen. Finden sich nicht genügend zusätzliche Fahrerinnen und Fahrer, könnte es eng werden mit der Verkehrswende in den deutschen Städten. Und allein über die reguläre, drei Jahre dauernde Ausbildung von jungen Leuten zur FiF, zur "Fachkraft im Fahrbetrieb", wie der Ausbildungsberuf heißt, wird der enorme Bedarf kurzfristig nicht zu decken sein.

Die Gewerkschaft versucht daher bereits seit einiger Zeit, durch teils kräftige Tarifanhebungen die Lohnsituation zu verbessern. Auch einige Unternehmen haben eingesehen, dass sie etwas tun müssen, um attraktiver zu sein - insbesondere für Wechselwillige, die in anderen Branchen mitunter deutlich mehr verdienen können. So hat die RNV beispielsweise nach Angaben von Personalchef Steffen Grimm einen Haustarif mit Verdi vereinbart, wonach ältere Mitarbeiter ab 55 Jahren zusätzliche freie Tage erhalten, um den anstrengenden Schichtdienst besser verkraften zu können. Am Ende seiner Laufbahn komme mancher Mitarbeiter so inklusive Urlaub auf gut 80 freie Tage pro Jahr.

Dennoch klagen nach wie vor viele Bedienstete über die Arbeitszeiten - vor allem über die "geteilten Dienste". Die fallen an, weil die Stoßzeiten im Nahverkehr eben am frühen Morgen und am späten Nachmittag liegen; wer einen geteilten Dienst hat, steuert also meist in der Früh Bus oder Bahn durch die Gegend, hat dann eine sehr lange Pause - und muss anschließend erneut ran. Somit zieht sich der Dienstschluss oft bis weit in den Abend.

Fahrpersonal wurde lange Zeit nicht wertgeschätzt

Manches Unternehmen versucht daher, den Mitarbeitern im Fahrdienst "wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen", wie Grimm sagt. Führungskräfte räumen mittlerweile ein, dass man das Fahrpersonal in der Vergangenheit "oft stiefmütterlich behandelt" habe. Wurde über viele Jahre der Betrieb auf maximale Effizienz getrimmt, versuche man nun, durch längere Pausen- oder Wendezeiten den Druck, der auf den Mitarbeitern laste, etwas zu mildern.

Und wurden früher vielerorts Pausenräume für die Fahrer schon mal mit ausrangierten Sitzmöbeln aus der Verwaltung bestückt, hat die RNV ein Pilotprojekt gestartet: Bis Ende 2019 sollen Fahrerinnen und Fahrer einen Aufenthaltsraum im Depot in Edingen (zwischen Mannheim und Heidelberg gelegen) in Eigenverantwortung komplett neu gestalten. Weitere solche Projekte sollen folgen, sagt Grimm, ebenso eine neue Dienstkleidung, um den Berufsstand "aufzuwerten".

Kismet Aksu liebt ihren Beruf, wie sie sagt. Wer mit ihr durch Mannheim fährt, der merkt, dass sie hoch konzentriert unterwegs ist. Tauchen Kinder am Straßenrand auf, nimmt sie etwas Schub raus; liegt nasses Laub auf den Schienen, streut sie per Knopfdruck Sand unter die Bahn und bremst sanft ab. Sie muss die Signale beachten, ebenso die Verspätungsanzeige direkt vor sich. "Diese Abwechslung mag ich", sagt sie. "Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen."

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