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Ausstellung:Reisen im Lehnstuhl

Teil einer Weltkarte aus der Ausstellung in Bremerhaven.

(Foto: Sammlung Perthes Gotha)

Eine Sonderausstellung im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven zeigt, wie Seekarten die Globalisierung vorantrieben - und den Menschen die Welt nahebrachten.

Von Marco Völklein

Ohne Karten wären die meisten Menschen verloren - zumindest dann, wenn sie sich in einer ihnen fremden Umgebung orientieren wollen. Insofern hat Frederic Theis, Kurator einer Sonderausstellung am Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven, recht, wenn er sagt: "Ohne Karten gab und gibt es keine Orientierung für Schiffe." Karten, das lernt man in der Ausstellung schnell, waren die Voraussetzung für die Globalisierung. Ohne genaue Karten gäbe es keinen die Kontinente verbindenden Schiffsverkehr, es gäbe keinen Handel zwischen Ländern und Staaten, lange Zeit keinen Postverkehr. Und auch keine Migration.

"Die Idee, Meere zu kartografieren, ist an sich schon sehr alt", sagt Theis. Es sind vor allem die Briten mit ihrem weltumspannenden Empire, die im 17. und 18. Jahrhundert damit beginnen, die Küstenlinien und vorgelagerten Inseln zu kartografieren, Seekarten sind damals "häufig noch farbenprächtige Kunstwerke, die mitunter Inseln zeigen, die nicht existier(t)en", sagt Theis.

Später, vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts, wandeln sich die Blätter zu "nüchternen Medien der Meereswissenschaft". Sie bilden Wind-, Strömungs- und Tiefenverhältnisse auf hoher See ab, ozeanografische Besonderheiten werden kartiert oder Seezeichen eingezeichnet, die den Besatzungen dabei helfen sollen, sicher zu ihrem Ziel zu navigieren. Ebenso wichtig wie genaue Seekarten sind allerdings auch Instrumente wie Sextant und Uhr, mit denen die Offiziere die Position ihres Schiffes bestimmen können.

1871 kommt die "Chart of the World" auf den Markt

Zu sehen sind insgesamt 63 analoge und digitale Reproduktionen historischer Meereskarten aus der Sammlung des Bremerhavener Museums sowie der Sammlung Perthes in Gotha; außerdem werden zahlreiche Schiffsmodelle und historische Navigationsinstrumente gezeigt. Wegen der Pandemie ist das Haus aktuell geschlossen, die Schau kann aber - zumindest in Teilen - digital besucht werden auf der Internetseite des DSM. Zudem hoffen die Ausstellungsmacher, dass sie bald wieder öffnen können.

Spätestens von der Mitte des 19. Jahrhunderts an dienen Meeres- und Weltkarten allerdings nicht mehr nur Seeleuten, Reedern und Ozeanografen als Arbeitsmittel, vielmehr kommen auch breite Bevölkerungsschichten damit immer öfter in Berührung - auch das zeigt die Ausstellung in Bremerhaven anschaulich. Verlage bringen Kartenbände und Atlanten heraus, wecken damit die Sehnsucht vieler nach anderen Teilen der Welt. Bereits 1871 kommt mit der "Chart of the World" eine erschwingliche Weltmeereskarte auf den Markt, die sich handlich zusammenfalten lässt und explizit für Privatleute gedacht ist, sagt der Literaturwissenschaftler Wolfgang Struck von der Universität Erfurt, der an der Sonderschau mitgearbeitet hat.

Werbeplakat einer Reederei: Deren Ozeanriesen verbanden früher die Kontinente miteinander.

(Foto: Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven)

Ein weiteres Beispiel dazu ist in Bremerhaven zu sehen: Eine Mitarbeiterin der Erfurter Uni fand auf einem Flohmarkt ein kleines Büchlein aus dem Gothaer Justus-Perthes-Verlag, erstmals herausgegeben im Jahre 1884. Es handelt sich dabei um einen Seeatlas im handlichem Taschenbuchformat, nur wenige Seiten dick, mit einer großen Übersichtsweltkarte am Beginn und nachfolgend mit vielen weiteren Detailkarten zu Küsten, Nebenmeeren, Hafeneinfahrten und einzelnen Kanälen auf der ganzen Welt.

Reisen nur auf dem Papier

Ein Nürnberger, sagt Struck, hatte sich das Buch zugelegt und darin mit roter Tinte die Fahrt der SMS Alexandrine eingezeichnet, einer Korvette der Kaiserlichen Kriegsmarine, die Ende des 19. Jahrhunderts auf Samoa stationiert war. Allerdings fuhr er wohl nicht selbst auf dem Schiff, wie Struck vermutet, sondern hatte lediglich einen Bekannten an Bord. Damit zählte der Nürnberger zu den vielen Menschen in der damaligen Zeit, die mit Karten und Kursbüchern auf dem Schoß, im heimischen Lehnstuhl sitzend, Reisen um die Welt unternahmen, nur auf dem Papier. Die Menschen damals, sagt Struck, habe an solchen Karten "die Vorstellung fasziniert, dass die Welt habhaft wäre, wenn man es sich denn leisten könnte".

Die Sonderausstellung "Karten Wissen Meer" ist noch bis zum 14. März 2021 im Deutschen Schifffahrtsmuseum zu sehen. Momentan ist das Haus in Bremerhaven wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geschlossen. Infos: www.dsm.museum

© SZ
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