Psychologie Wie man den moralischen Kompass verstellt

Wer gerade noch A gesagt hat, lässt sich leicht dazu bringen, nun vehement B zu vertreten - selbst in moralischen Fragen. Dazu reicht schon ein simpler Bühnentrick, wie schwedische Forscher berichten.

Von Sebastian Herrmann

Sich die Welt hinzubiegen, wie sie einem gefällt - das ist die Paradedisziplin der Menschen. Sie rechtfertigen noch die seltsamsten Dinge, die sie selbst verbockt haben. Sie fordern das eine und tun das Gegenteil. Und was man gestern geäußert hat, ist heute nichts mehr wert. Psychologen um Lars Hall von der schwedischen Universität Lund demonstrieren diese geschmeidige Flexibilität des Menschen und seiner Meinungen im Fachmagazin Plos One (Bd. 7, S. e45457, 2012) mit fast erschreckender Deutlichkeit.

Sie baten 160 Probanden um ihre Einschätzung zu moralischen Fragen. Anschließend manipulierten die Forscher die Antworten so, dass einige das Gegenteil dessen aussagten, was die Probanden zuvor angegeben hatten. Die Mehrheit der Teilnehmer bemerkte diese Manipulation nicht. Stattdessen rechtfertigten sie in einer anschließenden Diskussion moralische Haltungen, die sie Minuten zuvor teils heftig abgelehnt hatten.

Die Psychologen baten ihre Probanden auf Fragebögen auf einer Skala von eins bis neun jeweils ihre persönliche Meinung zu abstrakten sowie konkreten moralischen Fragen abzugeben. Etwa, ob in verschiedenen Kulturen die gleichen moralischen Standards gelten sollten; oder ob es ethisch vertretbar sei, für Sex zu bezahlen, wenn dies legal ist, und wie der Einsatz von Gewalt durch Israelis und Palästinenser im Nahostkonflikt zu beurteilen sei.

Mit einem Trick aus der Bühnenmagie vertauschten die Forscher schließlich bei zwei Fragen die Formulierungen so, dass die Antworten nun stets das exakte Gegenteil aussagten. Um sicherzugehen, dass die Teilnehmer alle Aussagen auch korrekt verstanden, diskutierten Hall und seine Kollegen diese mit ihnen. Dabei wurden die Aussagen laut vorgelesen und von den Versuchsleitern laut wiederholt und verdeutlicht, indem abgefragt wurde, ob die Antwort noch immer zutreffend sei.

69 Prozent der Teilnehmer bemerkten nicht einmal eine der beiden Veränderungen. Am stärksten betraf dies - wie zu erwarten war - jene Probanden, die keine starken Meinungen abgegeben hatten. Doch auch etwa ein Drittel derjenigen, die einer Aussage mit dem jeweiligen Maximalwert zugestimmt oder widersprochen hatten, waren blind dafür, wenn ihre Aussage ins Gegenteil verkehrt worden war.

Dass sich anhand von Einstellungen und Meinungen nur sehr schlecht vorhersagen lässt, wie sich Menschen verhalten werden, gilt in der Psychologie fast als Binsenweisheit. Die Studie von Hall bestätigt diese nun abermals, in dem sie zeigt, wie fragil selbst starke Meinungen sind. Die Mehrzahl der Probanden habe anschließend sehr hartnäckig für Ansichten argumentiert, die sie Minuten zuvor selbst noch abgelehnt hatten, sagt Hall.

Die Studie wirft darüber hinaus weitreichende Fragen für Untersuchungen auf, für die Fragebögen ausfüllt werden. "Entweder müssen wir unsere Ergebnisse so interpretieren, dass viele Umfrageteilnehmer keine echten Einstellungen zu abgefragten Themen haben", sagt Hall, "oder dass Fragebögen angesichts der Komplexität der Meinungen von Menschen ungeeignet sind, diese abzufragen."