Was wäre, wenn ... ... Tiere sprechen könnten?

Was würde passieren, wenn Tiere sich plötzlich artikulieren könnten? Die Autorin unserer Kolumne glaubt für diesen Fall nicht an eine größere Harmonie auf der Welt - stattdessen wären wohl neue Verirrungen programmiert.

Von Kathrin Zinkant

Die letzten Worte von Günther berührten ihn sehr. "Danke, Mann" röchelte sein Freund, ein letzter trauriger Blick aus braunen Augen - und dann war das Experiment vorbei, nach fast 16 Jahren. Markus erinnerte sich noch gut an Günthers Geburt, an seine Tapsigkeit, sein leises Winseln in der Nacht, das noch richtig nach Hund geklungen hatte. Aber nach den ersten Wochen auf der zweisprachigen Schule (Günther sprach auch Englisch) waren daraus rasch erste Babyworte geworden. Denn wie die anderen Welpen aus dem Wurf war der Cockerspaniel-Retriever-Mischling nicht fürs Bellen gemacht: Man hatte ihn einem Genome-Editing unterzogen.

Die Methode war damals erst sechs Jahre alt gewesen, ein geniales Verfahren, das Erbgut von Pflanzen und Tieren buchstabengenau umzudichten. Man tauschte nicht mehr plump Gene aus, man korrigierte einfach, was man für ungenügend erachtete. Zuerst waren die Forscher bescheiden geblieben: Gefummelt wurde nur an Kulturpflanzen, vor allem an Äpfeln und Birnen. Als Forscher dann jedoch das Interaktom des FOXP2-Sprachgens entschlüsselt hatten, waren die Begehrlichkeiten gewachsen. Sogar Tierschützer hatten sich damals für den revolutionären Eingriff in die Natur ausgesprochen. Vom Haushund bis zum Ostseehering wollte man anderen Arten das Sprechen beibringen. Forscher sollten dadurch erfahren, wie sich Sprechstörungen bei Menschen heilen ließen, und Aktivisten hofften darauf, endlich etwas über die Gefühle und Moralvorstellungen von Tieren zu erfahren. Litt das Huhn beim Eierlegen, fühlte der Fisch Schmerz, kannte das Schwein Empathie?

Es war dann ein bisschen anders gekommen, mit dem Erkenntnisgewinn, und Markus musste fast ein bisschen grinsen, als er an seine Nachbarin Maria dachte. Die Veganerin hatte ja unbedingt ein sprechendes Huhn als Haustier haben wollen. Jetzt war sie in einer Nervenheilanstalt, weil die gefiederte Gabi sie mit ihrem stereotypen Geplapper um den Verstand gebracht hatte. Eines Tages war Maria dann mit ihrem Steckrübenmesser auf Gabi losgegangen. Man fand die Frau irre lachend neben den Resten eines deftigen Hühnereintopfs.

Überhaupt hatte das neue Artikulationsvermögen der Tiere kaum zu größerem gegenseitigen Verständnis geführt. Das Geläster der Krähen am Straßenrand mobilisierte inzwischen ganze Jägerschwadrone, viele ältere Damen versuchten vergeblich, ihre sexbesessenen Schoßhunde loszuwerden, die jetzt leider offen aussprachen, woran sie die ganze Zeit dachten. Und was die Fische betraf, hatte man leider schon während der Unterrichtsphasen feststellen müssen, dass Sprechen unter Wasser für die Kiemenatmer keine realistische Option war. Es fehlte den Tieren schlicht am nötigen Luftstrom, und selbst wenn sie den gehabt hätten, wäre dabei wohl nur Blubb-Blubb herausgekommen.

Als größte Enttäuschung aber stellte sich heraus, dass selbst Nutztiere keinen Widerstand gegen die Massentierhaltung formulierten. Die großen Mastbetriebe waren auf das Schlimmste gefasst gewesen, auf Demonstrationen im Stall, das Ende ihrer Branche. Nichts dergleichen geschah. Als Forscher in einem ethisch höchst umstrittenen Experiment ein sprechendes Schwein in Gegenwart seiner Familie töteten und schlachteten, sahen Mutter und Geschwister nicht mal auf, sondern futterten schweigend weiter. Auf ihre Gefühle angesprochen, fiel ihnen nicht viel mehr ein, als die Qualität der servierten Kartoffelschalen zu loben und den weichen Strohboden. Aber die Worte Zukunft und Tod verstanden sie nicht. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam man dann auf einer Rinderfarm und auf einem Ziegenhof. Die Bewegung für Tierrechte löste sich binnen weniger Jahre auf. Kaum jemand erkannte noch einen Sinn darin, auf Fleisch von nichtmenschlichen Tieren zu verzichten.

Matthias holte die Schaufel. Sein Günther war eben eine seltene Ausnahme geblieben. Ein Hund von überdurchschnittlicher Intelligenz und liebenswürdigem Wesen, der gelegentlich nach einem Bier fragte und dabei sogar ganze Sätze sprechen konnte. Meistens aber hatte er einfach seine Schnauze gehalten.