Verhandlungsmarathon bei UN-Klimakonferenz Inhalte? Nebensache

Immer wieder liegt auf der UN-Klimakonferenz in Durban das Scheitern in der Luft, ist die Katastrophe schon unterwegs. Die Staaten feilschen bis zur letzten Minute um Termine. Schließlich steht dann das Ergebnis - doch Substanz muss nachgeliefert werden. Für inhaltliche Fragen blieb bei so viel Taktik diesmal einfach kein Platz.

Eine Reportage von Michael Bauchmüller, Durban

Im Nachhinein wirkt alles ganz einfach. Es ist Sonntagmorgen, sechs Uhr, Maite Nkoane-Mashabane kann wieder lächeln. "Irgendjemand hat mich vor kurzem gefragt: Was ist eigentlich Ihr Plan B", sagt Südafrikas Außenministerin. "Diese Frage habe ich gar nicht verstanden. Wir kamen mit Plan A, und wir gehen mit Plan A." Ganz klar: Madam Minister übertreibt ein wenig. In Wirklichkeit war Plan B stundenlang mindestens so wahrscheinlich wie Plan A.

Plan B, das wäre das Scheitern des Klimagipfels in Durban gewesen, zumindest vorläufig. Unfähig zu einer Entscheidung, hätte die Konferenz die Uhr anhalten können. Sie hätte die Verhandlungen im Sommer in Bonn fortsetzen können, wie schon einmal zuvor im Jahr 2001. Dann wäre aus Mashabanes Plan A erst einmal nichts geworden: dem schönen "Durban-Package", samt Einstieg in ein neues Klimaabkommen.

Immer wieder liegt in diesen letzten 48 Stunden das Scheitern in der Luft. Am frühen Samstagmorgen, die Konferenz ist schon zwölf Stunden über die Zeit, kommen in der Tiefgarage des Kongresszentrums die europäischen Minister zusammen. Umgeben von Schranken und Vorfahrtsschildern ist hier ein provisorisches Delegationsbüro zusammengezimmert. Die Europäer wollen jetzt wissen, wie es weitergeht: alles oder nichts.

Bereit für den Showdown: die Europäer

Es zählt zu den Besonderheiten dieser Konferenz, dass Europa sich in einer besonders starken Rolle wiederfindet. Weil Japan, Kanada und Russland aus den Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls aussteigen wollen, bleiben im Wesentlichen nur noch die EU-Staaten über. Wer immer eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls will, kommt um die Europäer nicht herum. Die Chinesen verlangen das, auch viele Entwicklungsländer. Schließlich ist es das einzige Klimaabkommen, auf das halbwegs Verlass ist.

An diesem Samstagmorgen sind die Europäer zu allem bereit. Einige Umweltminister, darunter auch Norbert Röttgen, plädieren für den harten Kurs. Wenn die EU sich schon auf eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls einlässt, dann will sie dafür auch ein greifbares Entgegenkommen der anderen Staaten: ein rechtlich verbindliches Abkommen, auszuhandeln bis 2015, in Kraft möglichst 2018. Es ist diese Bereitschaft zum Showdown, die Europa im Laufe der nächsten Nacht zum heimlichen Sieger der Konferenz macht. "Je mehr Druck wir ausgeübt haben, desto mehr hat sich bewegt", sagt EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard am Sonntagmorgen. Und nach 48 Stunden Verhandlungen wirkt sie, als wollte sie gleich Sportschuhe auspacken und noch eine Runde am Meer joggen. "Wir wollten mehr, und es hat funktioniert", sagt sie.

Das sagt sich leicht nach dieser Nacht. Dabei war die Katastrophe schon unterwegs gewesen, in Gestalt der indischen Umweltministerin Jayanthi Natarajan. Die bewegt auf dieser Konferenz nur eine Frage: Wie kann Indien jeglichen Verpflichtungen entgehen? Schließlich seien die Pro-Kopf-Emissionen eines Inders wesentlich geringer als etwa die eines Chinesen. Es sei ein Gebot der Gerechtigkeit, Indien nicht zusätzlich mit Klimaschutz-Auflagen zu belasten, sagt die Ministerin. Auch ein rechtlich verbindlicher Vertrag schmeckt ihr nicht. Und so verhandelt sie noch am Samstag eine Variante in den Durban-Text, die alle Verbindlichkeit zunichtemachen würde. Danach könnte ein Abkommen auch die Form einer "rechtlichen Übereinkunft" annehmen. Was immer sich dahinter verbergen mag: Darauf wäre kaum Verlass.