Urbane Sicherheit 24 Stunden bis zum Chaos

Die Bürger in Deutschland sorgen sich über trinkende Jugendliche, denken aber zu wenig daran, dass die Versorgung mit Strom, Gas und Informationen ausfallen könnte. Dabei birgt die zunehmende Vernetzung urbaner Infrastruktur unterschätzte Risiken.

Von Christopher Schrader

Ein U-Bahnhof irgendwo in Deutschland. Es ist spät abends, der Weg nach draußen führt durch einen Tunnel und eine Treppe hinauf. Wenn der späte Fahrgast eine Beklemmung im Brustkorb fühlt, wie wirken dann die wilden Graffiti an der Wand auf ihn und das Grölen der Bier trinkenden Jugendlichen, das durch die Gänge hallt?

Vielleicht sind dem Fahrgast die Schmierereien ja nur lästig. Vielleicht kennt er die Jugendlichen, die dort oben sitzen. Vielleicht benutzt er in dieser Situation aber auch lieber einen anderen Ausgang. Und vielleicht hängt das alles vom Alter, Geschlecht und Wohnort ab.

"Mit diesem subjektiven Empfinden von Sicherheit haben wir uns bisher wenig beschäftigt", sagt Holger Floeting vom Deutschen Institut für Urbanistik. "Aber es besteht Handlungsbedarf spätestens dann, wenn sich manche Menschen nicht mehr trauen, den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen."

"Urbane Sicherheit" ist ein neuer Schwerpunkt im Forschungsprogramm "Zivile Sicherheit" des Bundesforschungsministeriums (BMBF). Dessen Teilnehmer haben sich in der vergangenen Woche in Berlin zu einer Konferenz getroffen und über Stromausfälle, Softwarefehler bei Banken und die Terrorgefahr gesprochen. Aber eben auch über das subjektive Empfinden der Bürger.

"Der öffentliche Konsum von Alkohol ist ein sehr häufig genannter Grund, wenn öffentliche Orte ihren Charakter ändern und als weniger sicher empfunden werden", sagt Floeting, der eine Umfrage bei allen deutschen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern gemacht hat.

Für das subjektive Sicherheitsgefühl ist meist nicht so sehr das Verbrechen wichtig, sondern das Empfinden von Sauberkeit und Ordnung", bestätigt Dietrich Henckel von der TU Berlin. Wobei Graffiti zumindest die Berliner Bürger nicht beeindruckten. "Es geht eher um Nutzungskonflikte", etwa wenn plötzlich eine Gruppe von Menschen einen Ort für sich entdeckt und damit andere bedrängt oder stört.

Solche Eindringlinge zu vertreiben, ist aber oft kein wirksames Rezept, um das Gefühl von Sicherheit zu stärken. Henckel zitiert die amerikanische Städtetheoretikerin Jane Jacobs: "Erst die Vielfalt der Funktionen produziert Sicherheit." Diese entsteht nicht nur durch Polizei, Videokameras und gute Beleuchtung, sondern auch durch Läden, Gastronomie und Arztpraxen.

Risiken kompetent zu bewerten, sei für die meisten Menschen ohnehin fast unmöglich, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. "Wir beschäftigen uns viel mit den Dingen, die nur wenige Menschen das Leben kosten, und wenig mit den Gefahren, die viele töten." So berichteten die Medien ausführlich über Seuchen wie Ehec, Sars oder Schweinegrippe, aber kaum noch über das Rauchen.

Eines von Gigerenzers Lieblingsbeispielen stammt aus der Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damals benutzten viele Menschen das Auto anstelle des Flugzeugs, das ihnen zu gefährlich erschien. "Darum hat es 1600 zusätzliche Verkehrsopfer gegeben."

Es ist deswegen gut möglich, dass sich Bürger zu sehr über trinkende Jugendliche sorgen und zu wenig über mögliche Ausfälle der selbstverständlich erscheinenden Infrastruktur. "Die Menschen verlassen sich auf solche Systeme, bis diese praktisch unsichtbar werden", sagt der Wirtschaftsinformatiker Volkmar Pipek von der Universität Gießen.