Umwelt Bäumefällen leichtgemacht

In Polen darf neuerdings jeder ohne Genehmigung zu Kettensäge oder Axt greifen. Das zeigt sich bereits im Stadtbild.

Von Florian Hassel

Die Anwohner des Marschall-Rydz-Śmigły-Parks im Zentrum Warschaus wunderten sich, als an einem kalten Februarmorgen Männer mit Kettensägen anrückten und eine Reihe großer Bäume fällten. Die Bäume waren sehr alt und gehörten zu einer schon 1912 in einem städtischen Plan genannten Grünfläche am Rand des Parks. Das Land, auf dem sie standen, gehört einem Privatmann. Der will dort Eigentumswohnungen mit Tiefgarage bauen. Die Stadtverwaltung lehnte dies lange Zeit ab - ausdrücklich mit dem Hinweis auf die dort stehenden Bäume. Wer in Polen auch nur einen größeren Baum fällen wollte, doch dafür keine Genehmigung bekam, musste die Axt ruhen lassen. Jedenfalls bis zum 1. Januar dieses Jahres.

Da nämlich wurde die Genehmigungspflicht fürs private Bäumefällen fast vollständig abgeschafft. Das entsprechende Gesetz - im Dezember 2016 ins Parlament eingebracht und Tage später ohne Diskussion verabschiedet - war das Werk von Umweltminster Jan Szyszko, ehedem Dozent an einer Forstschule. Seine offizielle Begründung für das Streichen der Genehmigungspflicht: Bürokratieabbau.

Bilder von Kahlschlägen in ehemals idyllischen Landschaften empören die Bevölkerung

Kaum hatte sich die Kunde vom neuen Gesetz verbreitet, begannen nicht nur in Wäldern oder Gärten der Provinz Axthiebe zu fallen und Kettensägen zu schrillen, sondern auch in den Innenstädten von Warschau und Krakau, Danzig oder Breslau. In Warschau wurden in mehreren Parks alte Bäume gefällt. Vor dem von der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) kontrollierten Rathaus des Stadtbezirks Śródmieście im Herzen der Stadt gab es einen Kahlschlag. Furore machten auch Bilder vom Sarbski-See, der nicht nur für seine Nähe zur Ostsee bekannt ist, sondern auch für die malerischen Wälder in seiner Umgebung. Dort wurden binnen zweier Tage Tausende Bäume gefällt.

Seit Wochen empört das landesweite Bäumefällen viele Polen. Der ehemalige Ministerpräsident Jarosław Kaczyński wetterte auf einer Parteiversammlung, das Gesetz sei unter dem Diktat von Baulöwen verabschiedet worden, die ihre Projekte an Orten verwirklichen wollen, an denen alte Bäume wachsen. Niemand weiß, wie viele Bäume schon gefällt worden sind. Dabei können gerade polnische Städte jeden Baum gebrauchen: Von den 50 Städten mit der höchsten Luftverschmutzung in Europa liegen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge 33 in Polen - der vielerorts noch verwendeten Kohle wegen.

Nach immer neuen Kahlschlagbildern sahen viele das politische Ende von Umweltminister Szyszko gekommen: Dieser hat sich schon mit anderen Themen unbeliebt gemacht - etwa der Missachtung internationaler Schutzvorschriften für den Bialowieza-Wald, dem letzten Urwald Europas. Doch der Minister hat nicht nur unter Förstern und Jägern viele Freunde, von denen viele für die Regierungspartei im Parlament sitzen. Szyszko ist auch ein Liebling von Tadeusz Rydzyk: Der nationalkonservative katholische Pater gebietet über ein Medienimperium und trug mit der Mobilisierung seiner Hörer erheblich zum Wahlsieg der Pis bei. Und so bleibt der Umweltminister vorerst im Amt.

Das Waldgesetz soll bald geändert werden - aber nicht, wie es Naturschützer fordern, zur alten Norm zurückkehren. Stattdessen soll etwa bestraft werden, wer Bäume aus wirtschaftlichen Gründen fällt und dort in den nächsten fünf Jahren ein Haus baut. Der Waldwissenschaftler Piotr Tyszko-Chmielowiec kritisierte dies in der Zeitung Gazeta Wyborcza als Feigenblattbestimmung: Niemand werde in Polen zu Baubeginn prüfen, ob dort ein halbes Jahrzehnt zuvor einmal Bäume gestanden hätten.