Ulfberht-Klingen "Das waren eifersüchtig gehütete Werkstattgeheimnisse"

Bei anderen Wissenschaftlern stößt diese These auf große Skepsis. Alfred Geibig ist Kurator der Rüstkammer auf der Veste Coburg, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Waffen und Rüstungen in Europa. Im Kollegenkreis nennt man ihn Schwerter-Freddy, und es heißt, es gebe nicht viele Menschen, die mehr von Schwertern verstünden als er. Er hält nicht viel von den Theorien seines britischen Kollegen Williams. Auch in Europa, sagt Geibig, gab es eine lange Tradition der Stahlherstellung, von den Kelten über die Römer, auf die ein Schmied im frühen Mittelalter aufbauen konnte. Im Orient habe man mit Damaststahl gearbeitet, einem Verfahren, bei dem mehrere Eisensorten verschiedener Härtegrade miteinander verschmiedet wurden. Die Ulfberht-Schwerter aber seien gerade nicht aus Damaststahl hergestellt, sondern aus einem einheitlichen Werkstoff, einem Monostahl. "Ich sehe keinen Grund, warum so ein Stahl nicht hier entwickelt worden sein könnte", sagt Geibig.

Robert Lehmann, Chemiker am Institut für Anorganische Chemie der Universität Hannover, sieht das genauso: "Dass kohlenstoffhaltiger Stahl in Europa nicht hergestellt werden konnte, ist schlichtweg unrichtig", sagt er. Lehmann gilt als eine der ersten Adressen in Deutschland, wenn es um die Analyse und die Provenienz von Metallen geht. Williams' Ergebnisse seien schwer nachvollziehbar, sagt er, weil die Fehlerquellen an den stark korrodierten Materialproben sehr hoch seien, aber von Williams nicht diskutiert würden. Außerdem - und auch darin ist sich Lehmann mit Alfred Geibig einig - hänge die Qualität einer Schwertklinge nicht allein vom Werkstoff ab. Ebenso wichtig sei die Art der Verarbeitung, das Härten und Entspannen des Metalls durch genau berechnete Erwärmung und Abkühlung.

"Das waren eifersüchtig gehütete Werkstattgeheimnisse", sagt Geibig. Auch das zum Abkühlen verwendete Medium spielte eine Rolle. "Öl galt als sehr gutes Kühlmittel", sagt Lehmann. In einem Rezept aus dem Jahr 1706, das auf eine römische Überlieferung zurückgeht, wird eine Mischung aus Knaben-Urin, Eppich (Sellerie) und Rettichsaft empfohlen. "Nachvollziehbar", sagt Lehmann, "Harnsäure ist ein gutes Reduktionsmittel". Erst durch solche Verfahren erhielt das Metall die Eigenschaften, die es für einen Schwertkämpfer besonders wertvoll machte: hart, aber doch so elastisch, dass es beim Aufprall auf einen Harnisch nicht in Stücke brach.

Hinweise auf das ostfränkische Reich

So wird verständlich, warum ein Meisterschmied die von ihm gefertigten Klingen mit seinem Namenszug kennzeichnete - und warum es möglicherweise andere Werkstätten gab, die dieses Markenzeichen fälschten, um ihre minderwertigen Klingen teuer zu verkaufen. Auch dass so viele Ulfberht-Schwerter in Nordeuropa gefunden wurden, sei kein Beleg dafür, dass sie auch dort geschmiedet wurden, versichert Geibig. Das liege nur daran, dass dort die Sitte, einem toten Krieger seine Waffen mit ins Grab zu geben, weit länger Bestand hatte als in den christianisierten Regionen Mitteleuropas. Tatsächlich waren die Ulfberht-Schwerter in ganz Europa verbreitet: Man fand sie in Irland und in Spanien, in Frankreich, Belgien, Italien und Kroatien. In Deutschland sind 13 Funde bekannt; fast alle wurden an oder in Flüssen entdeckt.

Das Rätsel der Ulfberht-Schwerter ist damit aber noch lange nicht gelöst. Viel spricht dafür, dass die Werkstätte, in der diese in ganz Europa begehrten Waffen geschmiedet wurden, im ostfränkischen Reich zu suchen ist. Ulfberht ist ein fränkischer Name. Er taucht in verschiedenen Schreibweisen in einer Handschrift des Klosters Sankt Gallen auf: Uolfberht, Wolfbert, Uolfbertus. Eine Urkunde aus dem Jahr 802 bekundet, dass ein Mann eine Villa am Niederrhein als Stiftung für seinen Vater Wulfberti widmete. Nirgends aber findet man den Namen Ulfberht in Zusammenhang mit einer Waffenmanufaktur.

Das Schwert, das Ralf Kleine im Frühjahr 2012 an der Weser fand, hat die Wissenschaft einen wichtigen Schritt vorangebracht. Nachdem der Archäologe Heinrich Härke es als Ulfberht-Schwert erkannt hatte, kam es ins Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und damit auch ins Labor des Chemikers Robert Lehmann. Was er über das aus dem Weserkies geborgene Schwert herausgefunden hat, bestätigt die These Alfred Geibigs, dass der Schmied, der dieses Schwert fertigte, seine Werkstatt in Mitteleuropa hatte. Das Metall, aus dem die Klinge geschmiedet wurde, hat einen hohen Mangangehalt - "das kommt sicher nicht aus dem Orient", sagt Lehmann. Die Parierstange dagegen wurde aus einem Eisen mit hohem Arsenanteil hergestellt, auch das, so Lehmann, weise auf eine kontinentaleuropäische Lagerstätte hin. Die in die Klinge eingelegten Buchstaben bestehen aus nickelhaltigem Metall - einer Art frühem Edelstahl, denn der Nickelanteil reduziert die Korrosion. So erklärt sich, dass die Buchstaben zum Teil besser erhalten sind als die Klinge selbst.

Wissenschaftlich am ergiebigsten war der Knauf. Im Computertomografen kann man seinen Aufbau erkennen: Eine Metallplatte wurde auf die Angel, also das Griffstück des Schwertes aufgesteckt und verhämmert. Darüber wurde mit einem Draht eine halbkugelförmige Kuppel befestigt, diese wiederum war mit einem Blech aus einer Zinn-Blei-Legierung überzogen. In seiner Dissertation hat Lehmann einen Bleiisotopenatlas für Deutschland zusammengestellt - ein Glücksfall: Die Herkunft des Bleis, aus dem das Knaufblech hergestellt wurde, ließ sich exakt feststellen: Es stammt aus einer Fundstätte im Hintertaunus zwischen Rhein, Lahn und der Wetterau. "Das war ein Kleinvorkommen, das zu römischer Zeit schon weitgehend ausgebeutet war", sagt Lehmann. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Blei aus dieser Lagerstätte weit vom Ursprungsort verarbeitet wurde.

Nicht weit von der Bleilagerstätte wurden in der Mitte des 8. Jahrhunderts die Klöster Lorsch und Fulda gegründet, bedeutende kulturelle Zentren im frühen Mittelalter. "Für beide Klöster ist eine Waffenproduktion historisch belegt", sagt Henning Haßmann, der niedersächsische Landesarchäologe. Stand Ulfberhts Schmiede also in Fulda oder in Lorsch? Man wird viele Urkunden wälzen, um das herauszufinden. In der Liste der Äbte und Bischöfe der Klöster Lorsch und Fulda allerdings findet sich kein Beleg für diese These. Da gibt es Helmerich und Richbod, Adalung und Eigilbert, Huoggi, Haicho und Erkanbald. Einen Ulfberht gibt es leider nicht.