Kinesiologie Diagnose mit dem "Muskeltest"

Mit Hilfe einer Art Armdrücken wollen Kinesiologen die verschiedensten Leiden oder Krankheitsursachen blitzschnell feststellen. Aber die Methode ist nicht ohne Risiko.

Von Colin Goldner

Im Zentrum der "Angewandten Kinesiologie" (kínesis: griech.= Bewegung) steht der sogenannte "Muskeltest", entwickelt in den 1960ern von dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart:

Der Therapeut fordert den Klienten auf, einen Arm im rechten Winkel zur Seite zu halten, legt dann seine Hand auf dessen Handgelenk und versucht, den Arm gegen den Widerstand des Klienten nach unten zu drücken.

Normalerweise kann dieser dem Druck ohne weiteres standhalten, der Arm bleibt im Schultergelenk "eingerastet". Halte der Klient nun in der anderen Hand eine "schädliche Substanz" - ein ungesundes Nahrungsmittel (z.B. Zucker) oder ein ungeeignetes Medikament -, so lasse sich der Testarm leicht nach unten drücken.

Der "Stressor" blockiere die durch den Körper fließende Energie, sämtliche Muskeln - der Test wird nur aus Gründen der Praktikabilität am Oberarm durchgeführt - würden schlagartig geschwächt.

Krankheiten jeder Art sollen auf diese Weise "blitzschnell" zu diagnostizieren sein: Der Klient legt seine Hand auf einen möglichen Problembereich seines Körpers und lässt den Armtest an sich vornehmen. Bei tatsächlicher Störung erweist sich der Muskel angeblich sofort als "schwach".

"Der Körper lügt nie"

Allein der Gedanke an ein möglicherweise erkranktes Organ schwäche den Testmuskel, sofern dieses in der Tat erkrankt sei. Der Therapeut befragt hierzu den Klienten detailliert nach seinem körperlichen Gesundheitszustand und führt zugleich den Muskeltest durch: Ein geschwächter Muskel signalisiere dann auf ein Problem in dem fraglichen Bereich, denn: "Der Körper lügt nie".

Der Muskeltest - über einen Bestseller des australischen Goodheart-Schülers John Diamond (Your Body Doesn't Lie) Anfang der 1980er zu weltweiter Popularität geführt (und insofern auch als "Diamond-Methode" bekannt) - wird von zahllosen Alternativheilern zur Diagnose sowie zur Indikationsstellung bestimmter Medikamente oder Heilverfahren eingesetzt.

Um ein geeignetes (vorzugsweise homöopathisches) Medikament zu finden, eines Aura-Soma-Öls, Bach-Blütenmittels, Heiledelsteins und dergleichen, nimmt der Klient ein Fläschchen beziehungsweise einen Stein nach dem anderen in die Hand und lässt den Muskeltest ausführen: Bleibt der Arm bei einem Mittel in der Schulter "eingerastet", soll es zur Behandlung geeignet sein.

Von kinesiologischer Diagnostik ist entschieden abzuraten: Bei ihr besteht das Risiko, dass Gesunde für krank und Kranke für gesund erklärt werden, dass unnötige Medikamente eingenommen, aber notwendige und wirksame Behandlungen versäumt werden.

Es gibt keinerlei Hinweis auf eine diagnostische oder sonstige Tauglichkeit des Muskeltests. Vielmehr haben unabhängige Studien gezeigt, dass die Ergebnisse in erster Linie auf die suggestive Einwirkung des Heilers auf den Klienten zurückgehen.

Insofern ist auch das szeneübliche Vorgehen, die "Effizienz" alternativtherapeutischer Verfahren oder Heilmittel über kinesiologische Vorher-/Nachher-Muskeltests zu "belegen", reine Augenwischerei und ebenso unbrauchbar wie all die sonstigen, meist zirkelschlüssig aufeinander verweisenden "Belege" via Kirlianphotographie, Radiästhesie oder Elektroakupunktureller Hautwiderstandsmessung nach Voll und dergleichen.

Ein weiterer Goodheart-Schüler namens John Thie stellte Anfang der 1970er ein kinesiologisches Therapieprogramm vor, das unter dem Namen "Touch for Health" (Gesund durch Berührung) energetische Blockaden im Körper aufzulösen vorgibt, die, bedingt durch eine Vielzahl bewusster und unbewusster "Stressoren", Ursache sämtlicher körperlicher und seelischer Probleme seien.

Als Stressor gilt der Kinesiologie jeder störende oder schädigende Einfluss - messbar durch den Muskeltest -, unabhängig davon, ob der Betroffene ihn überhaupt wahrnimmt und/oder tatsächlich als solchen empfindet.

Zur Behandlung werden auf der Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bestimmte Punkte mittels einer Art Akupressurmassage, ähnlich dem Shiatsu, gedrückt.

Das Verfahren ist angeblich angezeigt u.a. bei Allergien, Ängsten, Asthma, Depressionen, Essproblemen, Migräne, Neurodermitis, Selbstwertproblemen, Suchtverhalten, Schlafstörungen, Unpünktlichkeit und Lebenskrisen jeder Art.