"Der Schaden durch Nozebos ist enorm", sagt Manfred Schedlowski, Psychologe an der Universität Essen. "Viele Menschen nehmen ihre Medikamente aus Angst vor den Nebenwirkungen nicht ein - Ärzte müssten besser darüber aufklären." Kaum ein Mediziner sage Patienten, dass Pharmafirmen jede Nebenwirkung, die je aufgetreten ist, auflisten müssen, "auch wenn es wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden".
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Auch unbedachte Äußerungen lösen manche Beschwerden aus. Der amerikanische Kardiologe Bernard Lown zeigt in seinem Buch "Die verlorene Kunst des Heilens", wie vernichtend ärztliche Worte sein können. Bei einer hektischen Visite mit einem schlecht gelaunten Chefarzt hatte dieser zu seinen Assistenzärzten gesagt, dass es sich bei einer Patientin um einen typischen Fall von TS handele. TS steht im Mediziner-Jargon für Trikuspidalklappen-Stenose, eine zumeist nicht lebensbedrohliche Verengung einer Herzklappe.
Die Patienten hatte mitgehört und sagte zu Lown nach der Visite: "Das ist das Ende." TS könne ja nur "terminale Situation" bedeuten. Obwohl Lown der Dame erklärte, dass sie sich nicht zu sorgen brauche, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie bekam Atemnot, in ihren Lungen sammelte sich Flüssigkeit. Lown alarmierte den Chefarzt, dass er die Patientin dringend aufklären sollte, wie er seine Bemerkung gemeint habe. Als der Arzt gegen 19 Uhr kam, war sie bereits am Lungenödem gestorben.
"Tod durch Hoffnungslosigkeit und negative Erwartungen ist eine Steigerung des bekannten Zusammenhangs von Depression und Herztod", sagt Peter Henningsen, Leiter der Psychosomatik an der Technischen Universität München. "Die in vielen Fallberichten geschilderten Symptome wie Todesphantasien oder Schwarzsehen sind ja eindeutig Elemente von Depressivität."
Lown hat einige Faustregeln für Patienten entwickelt: Je furchteinflößender die Terminologie eines Arztes und je düsterer seine Prognosen, desto weniger sollte man seinen Anweisungen glauben. "Ein Arzt, der schwarzen Trauerflor aushängt, ist entweder ein Handelsvertreter oder ein Scharlatan, der niemals seinen infantilen Wunsch überwunden hat, den lieben Gott zu spielen", sagt Lown.
Ärzte müssen nicht daran beteiligt sein, wenn Patienten schwarzsehen. In Tennessee hatte eine Lehrerin vor Jahren Gasgeruch wahrgenommen und vor der Klasse über Kopfschmerz und Übelkeit geklagt. Mehr als 100 Schüler und Lehrer berichteten nun von denselben Symptomen, obwohl sich der Geruch als harmlos herausstellte und kein Gas ausgeströmt war. Ähnliches ereignete sich in Belgien, als der Geschmack von Cola in Dosen anders war als sonst. Die Dose war mit einer neuartigen Substanz imprägniert. Der Stoff erwies sich als harmlos, dennoch wurden Dutzende Jugendliche in Krankenhäusern behandelt.
Nicht immer lassen sich die Symptome so schnell lindern wie bei dem Mann, der sich nach der Trennung von seiner Freundin das Leben nehmen wollte. Er schluckte 30 Tabletten, starke Psychopharmaka, die er im Haus hatte, weil er gerade an einer Studie teilnahm. Er brach kurz darauf zusammen, im Krankenhaus ging es ihm immer schlechter. Bald kam allerdings der Arzt vorbei, der die Studie geleitet hatte. "Er war doch in der Kontrollgruppe", sagte der Mediziner. Die Pillen, die er geschluckt hatte, waren vollkommen harmlos. Augenblicklich verschwanden alle Symptome, die er mit der Kraft schlechter Gedanken heraufbeschworen hatte.
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- Religion Kann Glaube heilen? 20.10.2005
- Placebo-Effekt Therapeutische Bonbons 11.08.2008
- Ärzte in Deutschland Zu wenig Zeit für Patienten 18.11.2008
- Mediziner Belehrende Monologe 31.10.2008
- Hypnosetherapie Die Tiefseher 20.04.2009
(SZ vom 04.07.2009/beu)
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... wie z.B. Schweinegrippe...
Aber es ist wenigstens gut für die Presse: Ein bisschen Panikmache ersetzt locker jeden Sachverstand und liefert fette Schlagzeilen.
die Ärzte, die am meisten von der Kraft des gesprochenen Wortes leben, sind ja die "Psychos". Und auch hier wird mit Theater spielen (Patienten abholen) und dem Willen, brauchbare Diagnosen (die dann auch gut honoriert werden) zu finden, etlichen ahnunglosen und gutgläubigen Menschen Negatives eingeredet. Bekannt ist zum Beispiel, dass in der Traumabehandlung in mind. 10 Prozent der Fälle das zu behandelnde Trauma erst während der Therapie erzeugt wird. Und das macht ja auch Sinn für eine langfristige Dauerbindung - so eine PTBS kann ja am besten stationär in mehreren Aufenthalten behandelt werden. Das lohnt sich so richtig für den Arzt und wie es dem vermeintlichen Patienten geht, ist ja auch egal. Gerade in dem Bereich Psychosomatik sollte man die Bewertungen und Diagnosen immer besonders genau prüfen. Fehldiagnosen und -behandlungen sind hier auch schwer aufzudecken, denn bei Kritik heisst es gleich "Der Patient ist ja noch kränker als angenommen".
Ansonsten ist die "Kunst des Heilens" in Deutschland aus der Mode gekommen. Tatsächlich ist es entscheidend, ob kranke Menschen glauben, dass es möglich ist, wieder gesund werden zu können. Positive Unterstützung, auch von Schwestern und Arzthelferinnen, kann schwierige Situation erträglicher machen. Den Trend, alles schön zu reden, um nicht handeln zu müssen, gibt es jedoch auch.
Zuerst einmal ein herzliches Dankeschön an den Autor"Bartens". Seit sie für die SZ schreiben, ist mir diese Tageszeitung eine wahre Freude! :-)
Ich habe ihre "Kollegenschelte" nie als Anmaßung empfunden, im Gegenteil... Sie machen ein System transparent, das man im weitesten Sinne als Verbraucherschutz (konkret: Patientenschutz) bezeichnen muss. ... ein Verbraucherschutz übrigens, der mich stets zustimmend und belustigt lachen lässt.
Dass sie nun mit dem "Versetzten Berg" die Eso-Szene zum Protest anregen zeigt, dass sie auch von "Glaubens-Brüdern" ernst genommen werden.
Die dogmatische Ängstlichkeit, die kommentatorisch belegt wie schwer es fällt, Althergebrachtes in Frage zu stellen, neu zu überdenken und zu formulieren, ist an diese Stelle eine zusätzliche Bereicherung :-) :-) :-)
Winterwoods hat uns belehrt, auf welchen Mechanismen Homöopathie *nicht* beruht. Sehr schön. Und nun mag er/sie sich vielleicht aufraffen und uns erklären, auf welchen "Mechanismen" jene nun beruht. Und das bitte mittels einerr bündigen biochemischen Terminologie, die u.a. die Lohschmidt'sche Zahl nicht unerwähnt lässt...
Im Übrigen dreht es sich im Artikel nicht um den Placebo/Nocebo-Effect. Letzterer kann sich zum Beispeil dann einstellen, wenn bildungsferne (Hoch-)Schulmedizin-Feinde denn doch mal ein chemisch definiertes Medikament einnehmen müssen (um zu überleben z.B.). Dieses kann dann unter Umständen schlecht vertraqen werden, weil der angstmachende Schwafelzauber sogenannter Naturheiler oder Homöopathen ganze Arbeit geleistet hat...
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