Suggestionen Die Macht der schlechten Gedanken

Der Plazebo-Effekt hat ein negatives Gegenstück: Eingebildete Risiken oder die Angst vor Nebenwirkungen können Patienten massiv schaden.

Von Werner Bartens

Es war spät am Abend und Vance Vanders hatte eine unheimliche Verabredung. Auf dem Friedhof des kleinen Ortes in Alabama traf er einen Mann, der im Ruf stand, ein Hexendoktor zu sein. Der Magier nahm eine Flasche mit stinkender Flüssigkeit, schwenkte sie vor Vanders Gesicht herum und prophezeite ihm, dass er bald sterben müsse und niemand ihn mehr retten könne.

Vanders war wie erschlagen. Zu Hause ging es ihm stündlich schlechter. Bald war er so ausgezehrt, dass er ins Krankenhaus musste. Die Ärzte fanden keine Erklärung für seinen miserablen Zustand. Dann erzählte Vanders Frau einem Arzt von den Verwünschungen des Hexenmeisters. Der Mediziner war zunächst ratlos, dann fasste er einen Plan.

Er rief die Familie des Patienten am Krankenbett zusammen und erzählte, dass er den Hexer zur Rede gestellt habe. Der Medizinmann hätte demnach Eidechseneier in Vanders Magen gebracht, die Tiere wären geschlüpft - ein Reptil sei im Körper geblieben und würde Vanders nun langsam von innen auffressen.

Auf Geheiß des Arztes kam eine Krankenschwester mit einer riesigen Spritze mit Brechmittel. Unter großem Zeremoniell spritzte der Doktor das Emetikum und der Patient begann sich vehement zu übergeben. Im Trubel zog der Arzt eine Eidechse aus seiner Tasche, die er triumphierend zeigte: "Schau, Vance, was aus Dir herausgekommen ist", sagte er. "Der Zauber ist vorbei." Der Patient trank einen Schluck Wasser und fiel in tiefen Schlaf. Es ging ihm von Tag zu Tag besser, nach einer Woche wurde er entlassen. Mehrere Ärzte bezeugten den Fall, der sich um 1930 zugetragen hatte.

Vanders hatte Glück im Unglück, denn er überlebte den Fluch dank seines gewitzten Arztes. Andere Menschen sterben an der Kraft schlechter Gedanken. Solche Ereignisse finden sich keineswegs nur in der Geschichte oder bei Menschen, die an Voodoo glauben. Die Verwünschungen kommen heute nur in anderem Gewand daher. Neuerdings untersuchen Ärzte, welche mächtige Wirkung negative Gefühle in der Medizin entfalten. Die Nozebos (wörtlich: "Ich werde schaden") gelten in der Forschung als Gegenstück zum Plazebo.

US-Psychologen konnten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit an Herzschlag zu sterben, für Frauen dreimal so hoch ist, wenn sie glauben, dass sie besonders anfällig für einen Infarkt sind. "Depressivität und negative Gefühle erhöhen bei allen Menschen die Gefahr für einen Infarkt so stark wie Bluthochdruck", sagt Karl-Heinz Ladwig, Herzexperte in der Psychosomatik der Technischen Universität München. Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit in den sechs Monaten zuvor seien so typisch für drohenden Infarkt, dass Ärzte den Beschwerden mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.

Fast jeder Patient kennt auch das Phänomen, dass er Nebenwirkungen erleidet, wenn ihm Nebenwirkungen vorhergesagt werden. "Schlechte Neuigkeiten fördern schlechte Physiologie", sagt Clifton Meador von der Vanderbilt-Universität. Krebsärzte wissen, dass etlichen Patienten bereits vor der Chemotherapie schlecht wird und sie Tage vorher oder auf dem Weg ins Krankenhaus erbrechen müssen. Es ist die Erwartungshaltung, die ihnen übel aufstößt.

Das Ärzte-Latein

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