Streit um Gentechnik Fachjournal zieht Veröffentlichung zu Genmais und Ratten zurück

Gilles-Eric Séralini auf einer Pressekonferenz im Hauptsitz der EU in Brüssel am 28.11. Der Molekularbiologe kritisierte das Journal Food and Chemical Toxicology, das seinen Artikel zurückziehen will.

Bekommen Ratten vermehrt Krebs, wenn sie mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert werden? Eine umstrittene Studie, die zu diesem Schluss gekommen ist, soll nun zurückgezogen werden. Das aber löst auch wieder Kritik aus.

Von Christina Berndt

Die Nachricht klang so erschreckend, dass sie in Windeseile um die Welt ging: Ratten bekommen vermehrt Krebs und sterben früher, wenn sie mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert werden.

So verkündete es vor gut einem Jahr eine französische Forschergruppe um den Molekularbiologen Gilles-Eric Séralini von der Universität Caen. Illustriert wurde dies mit Schockbildern von riesigen Krebsgeschwulsten.

Ist auch der Mensch gefährdet, wenn er Gentech-Nahrung zu sich nimmt? Immerhin wird die verwendete Maissorte NK603 von Monsanto auch für menschliche Lebensmittel verwendet.

Doch schon bald kamen Zweifel und heftige Kritik an Séralinis Interpretation der Daten auf. Diese Skepsis hat ein Prüfausschuss im Auftrag der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology bestätigt, in deren Online-Ausgabe Séralinis Studie im September 2012 veröffentlicht worden war. Deshalb will die Zeitschrift die Publikation jetzt zurückziehen.

Der Ausschuss habe zahlreiche Bedenken wegen der Qualität der Daten, teilte der Chefredakteur von Food and Chemical Toxicology, Wallace Hayes, dem "lieben Professor Séralini" in einem Brief vom 19. November mit.

Deshalb empfehle der Ausschuss, den Artikel aus dem Verkehr zu ziehen. Nun gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder ziehe Séralini seinen Artikel selbst zurück oder das Journal werde ihn widerrufen. In der französischen Presse ließ Séralini bereits verlauten, zu einer Rücknahme sei er nicht bereit.

Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten oder gar eine absichtliche Missinterpretation der Daten durch Séralini gebe es aber nicht, betont Chefredakteur Hayes zugleich. Aber auch wenn die Ergebnisse nur nicht beweiskräftig (aber nicht inkorrekt) seien, würden sie eine Publikation in seiner Zeitschrift nicht rechtfertigen.

Zu wenig Versuchstiere?

Die Zahl der Versuchstiere sei zu gering, um eine erhöht Krebsrate zu belegen. Auch habe Séralini Tiere verwendet, die ohnehin besonders leicht Krebs bekommen. Genau das hatten Wissenschaftler zuvor in öffentlichen Stellungnahmen und Briefen an Food and Chemical Toxicology kritisiert.

Zwar hatte Séralini mit der stattlichen Zahl von 200 Ratten gearbeitet. Allerdings hatte er viele verschiedene Untergruppen gebildet, in denen jeweils nur noch zehn männliche und zehn weibliche Tiere erforscht wurden. Internationale Richtlinien verlangen aber in derartigen Langzeitstudien mindestens 50 Tiere pro Gruppe und Geschlecht. Zwar starben unter den Tieren, die Gentech-Futter bekamen, bis zu fünf von zehn Männchen und bis zu sieben von zehn Weibchen und in der Gruppe mit normalem Futter nur drei von zehn Männchen und zwei von zehn Weibchen.

Aber angesichts der kleinen Stichproben seien die Unterschiede statistisch nicht belastbar; sie könnten schlicht Zufall sein, urteilte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa bereits Anfang Oktober 2012. Trotzdem titelten viele Medien nach Erscheinen der Studie: "Futter mit Gen-Mais lässt Ratten früher sterben" oder "Studie: Genmais löst Krebs bei Ratten aus."

Auch wenn die Warnungen, die Séralini aufgrund seiner Daten erhob, als unseriös einzustufen sind: Der Widerruf einer wissenschaftlich korrekten Publikation mutet merkwürdig an.

Viele Forscher seien der Ansicht, dass eine wissenschaftliche Arbeit nur dann zurückgezogen werden sollte, wenn Daten gefälscht oder schwerwiegende Fehler bei der Auswertung gemacht wurden, schreibt der Blog Retraction Watch, der sich seit Jahren mit den Problemen rund um Forschungsfälschung und schlampige Publikationen beschäftigt. Gentechnikkritiker wie die Organisation GM Watch bemängeln die Rücknahme der Publikation als ungerechtfertigte Einflussnahme.