Serie: 200 Jahre Darwin Polonaise statt Sex

Polonaise statt Sex - ein kleines Insekt belegt, was viele Skeptiker nicht glauben wollen: Die Evolution ist nicht nur eine Theorie.

Von Birgit Herden

Evolution sei doch "bloß eine Theorie" und nicht bewiesen, behaupten noch immer viele Skeptiker. Die Fruchtfliege Drosophila melanogaster könnte darüber nur verwundert ihr mit Antennen bewehrtes Haupt schütteln. Für das winzige Insekt ist Evolution das Alltagsgeschäft im Dienste der Wissenschaft.

Die Fruchtfliege Drosophila heißt eigentlich "schwarzbäuchige Taufliege".

(Foto: Foto: Rickard Ignell)

Zum Beispiel, wenn es im Labor von Tadeusz Kawecki an der Universität in Lausanne in einer kleinen Kiste landet und sich zwischen zwei Sorten Marmelade entscheiden soll. Bei diesem Experiment gewinnen nur jene Fliegen den Kampf ums Überleben, die rasch lernen und sich richtig entscheiden. Nur ihnen gestattet Kawecki, Nachkommen zu haben. Und diese sind im Durchschnitt schlauer als andere Fliegen.

Sicher, eine schwarzbäuchige Taufliege - so der genaue deutsche Name - ist generell kein hochintelligentes Tier. Zum Leben genügt ihr eine Bananenschale. Ein kurzes Paarungsritual, dann legen die Weibchen ihre Eier ins gärende Obst, nach einem knappen Tag schlüpfen die Larven.

Gerade mal sechs Wochen dauert so ein Fliegenleben. Und doch möchte der polnische Biologe Kawecki mit Hilfe der Winzlinge zeigen, wie sich Intelligenz entwickelt - und warum das meistens nicht geschieht.

Dafür serviert Kawecki seinen Fliegen zwei Petrischalen voll mit Marmelade, Orange in der einen, Ananas in der anderen. Die Fliegen können die Sorten am Geruch unterscheiden; eine schmeckt allerdings bitter, weil Kawecki sie mit Chinin versetzt hat.

Verbesserte Hirnleistung hat einen Preis

Die Fliegen lernen bei diesem Versuch, die gute von der bitteren Marmelade zu unterscheiden. Aber nur jene Weibchen, die sich noch drei Stunden später an die Lektion erinnern und auf Anhieb die richtige Marmelade wählen, dürfen sich fortpflanzen. Dieses Experiment wiederholt Kawecki wieder und wieder: Nach zwei Dutzend Generationen ist tatsächlich eine Variante von Fliegen entstanden, die schneller lernen als ihre Vorfahren und das Gelernte länger behalten.

Doch wenn es so einfach ist, warum sind dann draußen in der Natur nicht längst massenhaft intelligente Superhirnfliegen entstanden? Der Grund hierfür ist: Die verbesserte Hirnleistung hat einen Preis, wie Kawecki herausgefunden hat. Die Larven dummer Fliegen wachsen schneller - bei knappem Futter ist das ein klarer Überlebensvorteil. "Offensichtlich gibt es in der Natur nichts umsonst", sagt Kawecki.