Grundvoraussetzung für das Funktionieren des Superorganismus ist die Selbstaufgabe der einzelnen Arbeiterin, die sich um die Brut der Königin kümmert und dabei auf eigene Nachkommen verzichtet; oder der Soldatin, die bei Auseinandersetzungen ihr Leben opfert, um den Superorganismus zu verteidigen.

Anzeige

Wie derart altruistisches Verhalten im Laufe der Evolution entstehen konnte, ist eine der zentralen Fragen der Evolutionsbiologie. Auf den ersten Blick passt Selbstlosigkeit, die es auch beim Menschen gibt, nicht zu der Annahme der Evolutionstheorie, dass es das Ziel jedes Lebewesens ist, möglichst viele eigene Nachkommen zu produzieren.

Kampf um die Macht

Der erste Schritt zum Superorganismus war wahrscheinlich eine kleine Veränderung (Mutation) in den Genen, die zur Folge hatte, dass das Brutpflegeprogramm verfrüht angeschaltet wurde, obwohl die Tiere noch gar keine Eier gelegt hatten.

Mangels eigenen Nachwuchses halfen die fehlprogrammierten Ameisen bei der Aufzucht ihrer jüngeren Schwestern. Im Unterschied zum Superorganismus funktioniert das System in diesem Stadium, in dem sich auch heute noch viele Ameisenstaaten befinden, noch nicht perfekt.

Immer wieder kommt es vor, dass Arbeiterinnen versuchen, das System auszunutzen und den Brutpflegerinnen ihre eigenen Eier unterzujubeln. Wenn der Betrug entdeckt wird, wird er allerdings hart bestraft. Oft erkennen die Brutpflegerinnen die fremden Eier, weil sie anders riechen als die Eier der Königin und töten die fremde Brut. Die Betrügerin wird gebissen und herumgezerrt bis sie so gestresst ist, dass sie unfruchtbar wird.

Wenn die Kräfte der Königin in einem solchen Staat nachlassen, brechen sofort Machtkämpfe um ihre Nachfolge aus. "Die Arbeiterinnen, von denen 80 Prozent befruchtet sind, also das Potential zur neuen Herrscherin haben, verhauen sich gegenseitig mit den Antennen", sagt Hölldobler.

Beim Menschen ist das nicht anders: "Einer der größten Störfaktoren in Gruppen ist eine schwache Führungsperson", sagt Dieter Frey. Als Folge des Machtvakuums brächen unter den Gruppenmitgliedern Revierkämpfe aus, die viel Energie kosten und dadurch den Erfolg der ganzen Gruppe gefährden.

Besser als die Nachbarkolonie

In einem Superorganismus werden die Strukturen dagegen nicht mehr in Frage gestellt. Aufstände sind sinnlos; bei einigen Arten haben die Arbeiterinnen nicht einmal mehr Eierstöcke. Sie können ihr Interesse, möglichst viele Nachkommen zu produzieren, nur noch als Gruppe durchsetzen.

Die ausgeklügelten Mechanismen im Superorganismus sind wahrscheinlich entstanden, weil jedes Tier dieses Ziel am besten erreicht, wenn es seine Aufgabe, etwa die Pflege der Brut, immer mehr perfektioniert, also immer besser dem Gemeinwohl dient.

"In diesem Stadium ist die Konkurrenz zwischen verschiedenen Kolonien die treibende Selektionskraft", sagt Hölldobler. Gemeinsames Ziel ist es, mehr Geschlechtstiere zu produzieren als die Nachbarkolonie.

Typisch für Superorganismen ist daher auch eine große Aggressivität gegenüber fremden Kolonien. Kriege zwischen Weberameisen sind gnadenlos. Bei einer gängigen Kampfstrategie halten mehrere Ameisen einen ihrer Feinde fest, während andere mit ihren Zangen Teile des Körpers abtrennen.

Kalter Ameisenkrieg

Die Auseinandersetzungen fordern so viele Opfer, dass die Insekten jeglichen Kontakt zum Feind, der unweigerlich zum Krieg führt, möglichst vermeiden, indem sie zwischen ihren Territorien Korridore anlegen, die von beiden Seiten gemieden werden. Hölldobler nennt sie "no ants land", in Analogie zum Niemandsland zwischen den Fronten eines Menschenkrieges.

Eine andere Strategie hat der Superorganismus der Honigameisen entwickelt. Wenn zwei Kolonien aufeinandertreffen, schicken beide Seiten sogenannte Turnierarbeiterinnen in eine Art Arena. Sie tun nichts anderes als sich hinzustellen und Potenz zu demonstrieren.

Dazwischen wuseln kleinere Kolleginnen und "zählen" die Stärke des eigenen Heers und die des Gegners. "Wenn beide Kolonien etwa gleich mächtig sind, kann das tagelang so gehen, ohne dass etwas passiert", sagt Hölldobler. "Es ist wie im Kalten Krieg, als Gefechtsköpfe und Raketen gezählt wurden."

Ist eine Kolonie schwächer, verschiebt sich das Turnier immer weiter in Richtung des Nests der unterlegenen Partei. Im Extremfall kommt es zu einem Raubzug der Stärkeren.

Sie dringen in das fremde Nest ein, bringen die Königin um und schleppen die Puppen heraus. Die jungen Arbeiterinnen, die daraus schlüpfen, müssen den Rest ihres Lebens für den fremden Superorganismus arbeiten. "Man kann das auch Sklaverei nennen", sagt Hölldobler.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Ein Leben als Superorganismus
  2. Abläufe im Superorganismus
  3. Sie lesen jetzt Der Weg zum Superorganismus
Leser empfehlen 

(SZ vom 06.06.2009/gal)