Scheinmedikamente Auch bei Ratten wirkt der Placebo-Effekt

Spritzen wirken sogar ohne Wirkstoffe - wenn Injektionen zuvor spürbare Verbesserung bei Patienten hervorgerufen haben. Dieser Placebo-Effekt stellt sich nicht nur beim Menschen ein, sondern auch bei Tieren.

Von Katrin Blawat

Wer sich von einer Spritze Schmerzlinderung verspricht, dem tut anschließend eine unangenehm heiße Berührung tatsächlich weniger weh - auch wenn die Injektion überhaupt keinen Wirkstoff enthielt.

Wie gut diese Form des Placebo-Effekts bei Menschen wirkt, haben zahlreiche Studien belegt. Seit Jahrzehnten aber zeigen Forscher außerdem: Viele Tiere reagieren gleichermaßen. Bereits 1962 beschrieb der amerikanische Psychologe Richard Herrnstein im Fachmagazin Science den "Placebo-Effekt in der Ratte".

Doch vor allem viele Homöopathie-Anhänger ignorieren noch immer die Erkenntnis, dass der Placebo-Effekt auch bei Tieren eintritt. Im Gegenteil bemühen sie häufig den vermeintlich fehlenden Effekt bei Tieren als Argument für die vermeintliche Wirksamkeit der Homöopathie. Dahinter steckt der Gedanke, dass, schließt man einen Placebo-Effekt aus, es schließlich an den Globuli selbst liegen müsse, wenn sich die Beschwerden nach der Gabe der Kügelchen bessern.

Der Haken daran ist nur: Die Wirkung des Placebo-Effekts wurde schon bei Laborratten und -mäusen gezeigt, ebenso bei manchen Haustieren wie Hunden.

Ergänzt werden die bisherigen Studien nun durch Versuche, die ein Forscherteam um Todd Nolan von der University of Florida im Fachmagazin Pain beschreibt (online). Darin zeigen die Autoren, wie sich Ratten darauf konditionieren lassen, eine Injektion mit Schmerzlinderung zu verbinden - und sich in der Folge der Placebo-Effekt einstellt.

Die Wissenschaftler boten ihren Tieren süße Kondensmilch an. Von der Milch zu trinken, war jedoch schmerzhaft, denn dazu mussten die Ratten mit ihren Lippen ein auf 48 Grad erhitztes Röhrchen berühren. Spritzten die Forscher den Nagern Morphin, tranken die Ratten deutlich länger als ohne Schmerzmittel. Doch nicht nur das: Offenbar lernten sie auch, die Injektionen mit geringeren Schmerzen in Zusammenhang zu bringen.

Dies zeigte sich, als die Forscher die Tieren nach zwei Versuchsdurchgängen mit Morphin-Injektionen ein drittes Mal vor die Milchflasche setzten. Auch in diesem Fall hatten die Ratten zuvor eine Injektion bekommen, um den Versuchsablauf möglichst identisch zu den vorherigen Runden zu halten. Doch enthielt die Spritze in diesem Fall kein Morphin, sondern eine Salzlösung ohne jede schmerzlindernde Wirkung. Dennoch hielten viele der so getesteten Ratten den Hitzeschmerz fast genauso lange aus wie im ersten Durchgang mit Morphin-Spritze. Wie es typisch für den Placebo-Effekt sei, wirkte er bei den einzelnen Individuen in sehr unterschiedlichem Ausmaß, schreiben die Autoren. Die Tiere einer Kontrollgruppe, die in allen drei Runden nur Salzlösung gespritzt bekamen, tranken stets deutlich weniger von der süßen Milch - sie hatte nie gelernt, die Spritzen mit weniger Schmerzen zu verbinden.

Auch aus klinischen Studien sei der Placebo-Effekt bei Tieren belegt, sagt Heidrun Potschka, Fachtierärztin für Pharmakologie der Universität München. Zum Beispiel hatten Epilepsie-kranke Hunde bis zu 46 Prozent weniger Anfälle, wenn sie lediglich ein Scheinpräparat erhielten, wie vor zwei Jahren das Journal of Veterinary Internal Medicine berichtete. Lernen durch Konditionierung, wie dies auch die milchtrinkenden Ratten zeigten, sei vermutlich der Hauptfaktor, auf den sich der Placebo-Effekt bei Tieren zurückführen lasse, sagt Potschka. In Analogie zu den Rattenversuchen nennt sie das Beispiel von Hunden, die mehrmals Insulin verabreicht bekamen - und deren Blutzucker anschließend sogar dann sank, wenn sie statt des Insulins eine wirkungslose Substanz erhielten. Vor allem bei Haustieren kommt ein weiterer Faktor dazu: Wer seinem kranken Tier Medizin oder Globuli gibt, widmet ihm vermutlich auch besonders viel Aufmerksamkeit. Und das allein kann schon Beschwerden lindern.