Relativitätstheorie Das zerschnittene Blatt

Ein verstümmeltes Dokument des Mathematikers David Hilbert gibt Rätsel auf: Vollendete er die Relativitätstheorie doch vor Albert Einstein?

Von Thomas Bührke

Der November 1915 war eine aufregende Zeit in der Physik: Zwei der damals brillantesten Köpfe lieferten sich ein Duell, wer zuerst den mathematischen Formelapparat der Allgemeinen Relativitätstheorie vollenden würde.

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In der Öffentlichkeit gilt zwar Albert Einstein als Schöpfer dieser Lehre der Gravitation, doch viele Wissenschaftshistoriker sagen, der Göttinger Mathematiker David Hilbert sei wenige Tage vor Einstein auf die entscheidenden Gleichungen gestoßen, ihm gebühre der Ruhm der ersten Veröffentlichung.

Aus dieser Behauptung hat sich ein halber Krimi entsponnen. Es geht um abgeschnittene Korrekturfahnen, Briefwechsel und fehlende Unterlagen. Der Vorwurf des Plagiats blitzt auf und wird entkräftet. Vor acht Jahren nämlich geriet Hilbert in Verdacht, als drei Physikhistoriker eine Korrekturfahne seiner damaliger Arbeit untersuchten.

Hilbert lud Einstein ein

Sie kamen zu dem Schluss, Hilbert habe von Einstein abgeschrieben. Nun ist die Physikhistorikerin Daniela Wuensch dieser Geschichte erneut nachgegangen. Sie behauptet: Hilberts Korrekturfahne wurde manipuliert, um Einsteins Ruf zu wahren.

Die Geschichte beginnt im Juni 1915. Einstein hat sich tief in das mathematische Dickicht seiner Theorie verstrickt, als Hilbert ihn zu Vorträgen nach Göttingen einlädt. Ausgiebig diskutieren die beiden über Einsteins Ideen, woraufhin Hilbert sich verstärkt dem Problem der Schwerkraft zuwendet.

Er folgt einem ganz anderen Verfahren als Einstein, das schon damals kaum ein Physiker nachvollziehen kann, und versucht, die Formeln aus mathematischen Grundsätzen, so genannten Axiomen herzuleiten. In einem regen Briefwechsel berichten beide einander vom jeweiligen Fortschritt.

Fünf Tage früher fertig

Als Einstein der Lösung nahe ist, arbeitet er fieberhaft, bis er am 25. November vor der Akademie der Wissenschaften in Berlin "Die Feldgleichungen der Gravitation" vortragen kann. "Damit ist endlich die Allgemeine Relativitätstheorie als logisches Gebäude abgeschlossen", beendet er seine Rede.

Doch schon bald wird sein Ruhm gemindert. Hilbert hat bereits am 16. November in Göttingen die möglicherweise richtigen Gleichungen vorgetragen, sie Einstein auf einer Postkarte geschickt und seine Arbeit am 20. November - also fünf Tage vor Einsteins Vortrag - zur Veröffentlichung eingereicht.