Psychologie Wie Kinder teilen lernen

Elterliche Ermahnungen allein machen aus kleinen Egoisten keine Altruisten.

(Foto: speednik / photocase.com)

Was muss passieren, damit Kinder großzügig werden? Hilft Mamas Drängen, dem Nachbarskind auch einmal das Dreirad zu überlassen? Oder die Aussicht auf eine Belohnung? Entwicklungspsychologen haben einen einfachen Weg gefunden.

Von Katrin Blawat

Sie helfen Erwachsenen, Papier in den Mülleimer zu werfen. Sie zeigen Mitgefühl, wenn jemand anderes verletzt oder traurig ist. Und wenn es besonders gut läuft, teilen Kinder auf dem Spielplatz sogar Schaufel und Plastiktraktor mit Altersgenossen. Dieses sogenannte prosoziale Verhalten von Babys und Kleinkindern macht Eltern stolz - und Forscher etwas ratlos. Was motiviert die Kleinen zum Teilen und Helfen, wie lässt sich ihre Bereitschaft dazu weiter fördern?

Hinweise auf eine Antwort bietet eine Studie amerikanischer Entwicklungspsychologinnen. Demnach teilen drei- und vierjährige Kinder bereitwilliger, wenn sie sich freiwillig dazu entschlossen haben - und nicht bloß der elterlichen Ermahnung nachkommen, doch bitte einen Teil des Plastikfuhrparks für ein paar Minuten dem Nachbarkind zu überlassen (Psychological Science, online). Außerdem wichtig: Die Entscheidung muss schwerfallen.

Die Psychologinnen Nadia Chernyak und Tamar Kushnir von der Cornell University machten ihre drei- und vierjährigen Probanden mit Doggie bekannt, einem Stoffhund, der sehr traurig sei. Doch womöglich ließe sich das Tier ja mit Aufklebern erheitern, welche die Forscherinnen zuvor verteilt hatten. Ein Drittel der insgesamt 72 Kinder bekam dann das zu hören, was wohl auch viele Eltern intuitiv sagen würden: Sie sollten einige ihrer Aufkleber an Doggie abgeben. Nur ein Kind widersetzte sich der Aufforderung.

Langfristige Großzügigkeit

Eine zweite Gruppe durfte frei wählen, ob sie einige ihrer Sticker mit dem Stofftier teilen oder lieber wegwerfen wollten. Den Kleinkindern, die ja normalerweise darauf aus sind zu helfen, fiel diese Entscheidung leicht - nur eines von 24 Kindern verweigerte dem Stofftier jegliche Aufkleber. Schwieriger - und realitätsnäher - wurde die Frage für die dritte Kindergruppe. Sie wurden ohne Druck vor die Wahl gestellt, entweder alle Aufkleber zu behalten oder einige an den traurigen Doggie abzutreten. 19 von 24 Kindern entschieden sich fürs Teilen - also etwas weniger als in den beiden anderen Gruppen.

Doch als die Forscher die Kinder erneut einluden, gaben die Kinder, die sich zuvor freiwillig fürs Teilen entschieden hatten, mehr Sticker ab. Diesmal sollte Ellie, ein ebenfalls trauriger Plüschelefant, ein paar Aufkleber bekommen.

"Wenn sich die Kinder einmal zum Teilen durchgerungen hatten, zeigten sie sich später großzügiger", sagt Chernyak. Jene Kinder, die zuvor zum Teilen aufgefordert worden waren oder die einfachere Wahl zwischen Teilen oder Wegwerfen gehabt hatten, behielten durchschnittlich mehr Sticker für sich. Wer seine Förmchen nur auf Anweisung an andere abtritt, lernt vielleicht diesen Weg, um durchs Leben zu kommen: Teilen, wenn sich dadurch schlechte Stimmung vermeiden lässt - und ansonsten den Besitz zusammenhalten.

Übrigens sei auch die Aussicht auf Belohnung keine nachhaltige Motivation fürs Teilen, schreiben die Autoren. Bleibe die Belohnung nämlich einmal aus, könne auch die Bereitschaft zum Teilen schnell verschwinden.