Psychologie Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Geteilte Erfahrungen werden intensiver wahrgenommen: Gutes wird noch besser, Schlechtes noch schlechter. Dazu braucht es nicht einmal Worte.

Von Sebastian Herrmann

Geteiltes Leid ist halbes Leid? Im Gegenteil. Der angenudelte Spruch sollte dringend eine Auffrischung erfahren und künftig korrekt so lauten: Geteiltes Leid ist doppeltes Leid. Gut möglich, dass dieser Vorschlag die Zustimmung der drei Psychologen Erica Boothby, Margaret Clark und John Bargh erfährt. Die drei Wissenschaftler von der Universität Yale berichten nämlich im Fachmagazin Psychological Science (online), dass Erfahrungen und Erlebnisse intensiver wahrgenommen werden, wenn diese mit anderen Menschen geteilt werden. Das gilt im positiven wie auch im negativen Sinne: Ein angenehme Sache mit einem anderen Menschen zu teilen, verleiht diesem Erlebnis zusätzlichen Glanz. Und eine bittere Begebenheit sollte man demnach lieber alleine durchstehen. Die Anwesenheit eines Leidensgenossen würde die Pein zusätzlich steigern.

Alles klar? Nun, hier folgt der Teil der Nachricht, der gegen die These vom Leid spricht, das sich durch das Teilen verdoppelt. Die Psychologen interessierten sich nämlich explizit für Erfahrungen, die Menschen zwar gemeinsam erleben, über die sie sich jedoch nicht austauschen, etwa um sich zu trösten. Diese Fragestellung berührt den Alltag stärker, als es sich zunächst anhört. In vielen Situationen teilten Menschen Eindrücke mit anderen, ohne direkt darüber zu kommunizieren, schreiben die Psychologen. Zum Beispiel stellt der Besuch eines Konzertes ein kollektives Erlebnis dar, bei dem man sich während der Aufführung nicht zwangsläufig mit anderen austauscht. Auch im Museum findet meist wenig Kommunikation statt, während man mit anderen Besuchern an Installationen oder Gemälden vorbeischlendert.

Allein das Wissen darum, eine Erfahrung mit anderen zu teilen, scheint diese aber zu verstärken. Die Psychologin Boothby, Hauptautorin der Studie, untersuchte dies mit Schokoladenverkostungen. Sie ließ Probanden - mit oder ohne Gesellschaft - eine feine sowie eine ungenießbar bittere Variante probieren. Aßen zwei Tester von der guten Schokolade, verstärkte dies das positive Urteil über deren Geschmack. Das Gleiche galt für die extrem bittere Variante: Probierten zwei Probanden davon, empfanden sie den Geschmack noch widerlicher, als wenn nur ein einzelner Tester davon abbiss. Ungewiss bleibt nur, ob sich die Pein milderte, sobald die Probanden sich austauschten und ihr Leid teilten.