Wer Würmer hat, leidet nicht an Asthma. Mediziner wollen diese Erkenntnis nutzen und verordnen Studienteilnehmern eine Dosis Parasiten.
Es klingt wie eine Spielerei für Masochisten: Im Internet kann man Parasiten bestellen und sich absichtlich damit infizieren. 800 Peitschenwurmeier oder eine Dosis mit 35 Hakenwurmlarven kosten 2900 Dollar. Letztere klebt man auf den Arm und wartet, bis sich die mikroskopisch kleinen Tierchen durch die Haut in den Körper bohren. Die Larven gelangen über das Blut in die Lunge, werden hochgehustet und dabei verschluckt - bald füllt sich der Darm mit neuem Leben.
Mediziner erforschen schon länger die mögliche Heilkraft der Parasiten. (© Foto: dpa)
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Der Wurmexporteur Jasper Lawrence hat bisher 140 Menschen beliefert. Seine Kunden sind keine Masochisten, sondern Menschen, die an Multipler Sklerose (MS), Asthma, Psoriasis oder Morbus Crohn erkrankt sind. Sie hoffen, dass die Würmer ihr Leiden lindern. Erste Forschungsergebnisse deuten tatsächlich auf eine heilende Wirkung von Parasiten hin. Noch fehlen aber wichtige Beweise. Deshalb hat die Food and Drug Administration, die amerikanische Medikamenten-Behörde, Lawrence' Unternehmen in den USA geschlossen und seinen Verkauf verboten. Er lässt sich davon nicht beirren und agiert im Ausland weiter.
"Das außerhalb von sicheren klinischen Studien anzubieten, ist hanebüchen", sagt Heinz Wiendl, Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose. "Immunologisch ist der Ansatz aber nachvollziehbar." Er erwartet, dass die Gabe harmloser Parasiten in Studien einen positiven Effekt für MS-Patienten zeige. "Die Idee ist sinnvoll. Sie genauer zu untersuchen, ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Erika von Mutius, Expertin für Allergien und Asthma am Haunerschen Kinderspital München.
Weltweit testen Forscher zurzeit, ob harmlose Darmparasiten Autoimmunerkrankungen und Allergien lindern können. Es wäre nicht das erste Mal, dass Parasiten helfen, Menschen zu heilen. Der Wirkstoff der Hirudoid-Salbe, die bei Blutergüssen hilft, stammt ursprünglich aus Blutegeln. Wenn offene Wunden nicht heilen wollen, setzen Ärzte Fliegenlarven auf die Verletzung. Diese fressen das tote Gewebe und stimulieren Selbstheilungsprozesse des Körpers.
Eine Wurmtherapie würde einen Schritt weiter gehen. Nicht äußerlich werden Parasiten eingesetzt, sondern im Darm der Patienten. Die Idee dahinter beruht auf der Beobachtung, dass Autoimmunkrankheiten und Allergien fast nur in reichen Gesellschaften vorkommen, in Entwicklungsländern kaum. Das könnte daran liegen, dass dort parasitäre Würmer - im Fachjargon Helminthen - weit verbreitet sind. Die Zahl der Menschen mit solchen Darmbewohnern wird von der Weltgesundheitsorganisation auf zwei Milliarden geschätzt.
"Das Vorkommen von Hakenwürmern und das Auftreten allergischen Asthmas scheinen sich weltweit gegenseitig auszuschließen", sagt David Pritchard von der Universität Nottingham. Er untersucht, wie Hakenwürmer das Immunsystem beeinflussen. Der Mechanismus, der Allergien zu Grunde liegt, entwickelte sich wohl ursprünglich, um Parasiten loszuwerden. Diese haben sich Tricks angeeignet, um diese Reaktionen zu dämpfen.
Im Abwehrsystem des Menschen bekämpfen manche Zellen Bakterien, andere Viren oder Tumoren. Finden sie einen Feind, rufen sie Verstärkung herbei - Fieber, Entzündung, Juckreiz entstehen im Eifer des Gefechts. Bei Allergien sind Immunzellen falsch geprägt. Sie reagieren auf harmlose Reize wie Pollen, als wären es gefährliche Gegner und lösen Fehlalarm aus. Manchmal wenden sich Immunzellen gar gegen den eigenen Körper, Autoimmunleiden sind die Folge.
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Der Mann "züchtet" die Hakenwürmer in seinem eigenen Darm und verkauft sie dann für 2900$ pro 35 Stück?
Das nenn ich mal die Erfüllung des amerikanischen Traums :D
Das geht doch schon eher in richtung eines Symbionten.. In Zukunft wird man wohl die Gene der Parasiten so weit verändern können, daß sie sogar Medikamente usw produzieren können. Parasiten haben relativ einfache Gene..damit kennt man sich schon recht gut aus.
Erstmal danke an die Süddeutsche für den tollen Artikel. In der Praxis stellt sich dann die Frage, wie man das Immunsystem auf weniger eklige Weise beeinflussen kann. Es gibt ja schon lange Vermutungen, dass der moderne Lebensstil zu Autimmunerkrankungen führt, und dass Leute die als Kinder noch nicht in einer beinahe sterilen Umgebung aufgewachsen sind und auch mal mit Dreck in Berührung kamen, weniger unter Allergien leiden. Besonders interessant finde ich auch die Ergebnisse, die in letzter Zeit mit Wermutkrautpräparaten (SedaCrohn/HayFairy) erreicht wurden. Auch da steckt wohl ein Effekt der Immunmodulation dahinter, der bei einem Teil der Patienten zu erstaunlichen Ergebnissen führt.
Da der Artikel von Parasiten in der Medizin handelt, ist es viellecht auch noch interessant auf einen ganz anderen Bereich hinzuweisen, wo Parasiten verwendet werden. Bei der Heilung von offenen Wunden nämlich, wo Würmer dazu eingesetzt werden, abgestorbenes Gewebe wegzufressen! (Dadurch können Wunden heilen, die sonst dauerhaft am "faulen" sind.)
Die Bedeutung de Co-Evolution wird erst allmählich von der Wissenschaft erkannt. Lange Zeit (und teilweise auch noch heute) meinte man, die Natur wäre recht zufällig und eher "ein bischen blöd" und der Mensch könne seine Gesundheit losgelöst von seiner Umwelt am Reissbrett verbessern und optimieren. Allmählich erkennt man, dass sich alles und jedes in der Natur in einem geradezu genialen Gleichgewicht miteinander und Abhängigkeit voneinander befindet. Natuerlich ist das so! Schliesslich hat sich ja der GANZE Planet mit allen Lebewesen in Interaktion zueinander Jahrmillionen lang weiterentwickelt und NICHT NUR der Mensch!