Organspende Rohstoff Mensch

"Organspende schenkt Leben" - aber nicht nur das. Was mit dem eigenen Körper alles passieren kann, wenn man einfach nur "Ja" im Organspendeausweis ankreuzt.

Von Christina Berndt

Diesmal hat Ulla Schmidt einen starken Partner. Wenn die Gesundheitsministerin für Organspenden wirbt, tut sie das in diesen Tagen mit der Breitenwirkung der Apotheken-Umschau, Deutschlands Zeitschrift mit der größten Leserschaft. Das Blatt startete vor kurzem eine gut gemeinte Kampagne, um die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende zu steigern. "Organspende schenkt Leben" war, wie seit Jahren bei solchen Aktionen, das eingängige Motto.

Die Kampagne überzeugt zu Recht viele Menschen vom Sinn der Organspende. Doch wer auf dem beiliegenden Organspendeausweis nun einfach nur "Ja" ankreuzt, der erklärt sich zu mehr bereit als allein zur Spende seiner inneren Organe wie Leber, Lunge, Herz und Nieren.

Mit seinem Ja gibt der Spender sämtliches Gewebe seines Körpers zur Entnahme frei - Knochen genauso wie Haut, Sehnen, Knorpel und Gefäße. Vorne heißt es "Organspendeausweis", doch auf der Rückseite werden Organe und Gewebe stets gemeinsam genannt.

Gewiss, jeder Spendewillige kann auf dem Kärtchen einzelne Körperteile ausschließen und so deren posthume Verwendung einschränken; doch kaum ein Bundesbürger weiß so viel über die Verwertungsmöglichkeiten menschlicher Leichen, dass er die Einschränkungen bewusst vornehmen kann. Auch die Apotheken-Umschau verliert in ihrer Kampagne kein Wort über die Unterschiede von Organ- und Gewebespende.

Dabei ist die Verwertung von Körpergewebe inzwischen so mannigfaltig, dass der Leipziger Zelltherapie-Professor Frank Emmrich, Mitglied des Deutschen Ethikrates, der Ansicht ist, eine fundierte Entscheidung könne nur der künftige Spender selbst treffen.

Gewebe rettet nur im Ausnahmefall Leben

"Die Materie ist viel zu komplex, als dass sie nach dem Tod eines Menschen einfach in einem Gespräch mit dessen Angehörigen geklärt werden könnte", sagte Emmrich vor kurzem während einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) in Berlin.

Zusammen mit der Organspende wird die Gewebespende einfach unter dem großen Versprechen, Leben zu retten, subsummiert. Gewebe rettet aber nur im Ausnahmefall Menschenleben. Häufig verbessert es die Lebensqualität. "Daneben gibt es jedoch durchaus auch Anwendungen, die Gewebebanken, Hersteller und Vertreiber lieber verschweigen", schreibt die Autorin Martina Keller in ihrem informativen Buch "Ausgeschlachtet - Die menschliche Leiche als Rohstoff" (Econ, Berlin 2008).

So benutzen zum Beispiel Schönheitschirurgen Produkte aus menschlichen Leichen - etwa um den Nasensattel aufzupolstern, Falten zu unterfüttern oder Lippen aufzupumpen. (Genauere Infos hier.)