"Organspende schenkt Leben" - aber nicht nur das. Was mit dem eigenen Körper alles passieren kann, wenn man einfach nur "Ja" im Organspendeausweis ankreuzt.
Diesmal hat Ulla Schmidt einen starken Partner. Wenn die Gesundheitsministerin für Organspenden wirbt, tut sie das in diesen Tagen mit der Breitenwirkung der Apotheken-Umschau, Deutschlands Zeitschrift mit der größten Leserschaft. Das Blatt startete vor kurzem eine gut gemeinte Kampagne, um die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende zu steigern. "Organspende schenkt Leben" war, wie seit Jahren bei solchen Aktionen, das eingängige Motto.
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Die Leiche als Rohstoff: Die Medizin kann heute fast alle Teile einer Leiche nutzen. Für Produkte aus menschlichen Geweben werden die unterschiedlichen Beträge verlangt. (© Quelle: SZ-Grafik, Daniel Braun)
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Die Kampagne überzeugt zu Recht viele Menschen vom Sinn der Organspende. Doch wer auf dem beiliegenden Organspendeausweis nun einfach nur "Ja" ankreuzt, der erklärt sich zu mehr bereit als allein zur Spende seiner inneren Organe wie Leber, Lunge, Herz und Nieren.
Mit seinem Ja gibt der Spender sämtliches Gewebe seines Körpers zur Entnahme frei - Knochen genauso wie Haut, Sehnen, Knorpel und Gefäße. Vorne heißt es "Organspendeausweis", doch auf der Rückseite werden Organe und Gewebe stets gemeinsam genannt.
Gewiss, jeder Spendewillige kann auf dem Kärtchen einzelne Körperteile ausschließen und so deren posthume Verwendung einschränken; doch kaum ein Bundesbürger weiß so viel über die Verwertungsmöglichkeiten menschlicher Leichen, dass er die Einschränkungen bewusst vornehmen kann. Auch die Apotheken-Umschau verliert in ihrer Kampagne kein Wort über die Unterschiede von Organ- und Gewebespende.
Dabei ist die Verwertung von Körpergewebe inzwischen so mannigfaltig, dass der Leipziger Zelltherapie-Professor Frank Emmrich, Mitglied des Deutschen Ethikrates, der Ansicht ist, eine fundierte Entscheidung könne nur der künftige Spender selbst treffen.
Gewebe rettet nur im Ausnahmefall Leben
"Die Materie ist viel zu komplex, als dass sie nach dem Tod eines Menschen einfach in einem Gespräch mit dessen Angehörigen geklärt werden könnte", sagte Emmrich vor kurzem während einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) in Berlin.
Zusammen mit der Organspende wird die Gewebespende einfach unter dem großen Versprechen, Leben zu retten, subsummiert. Gewebe rettet aber nur im Ausnahmefall Menschenleben. Häufig verbessert es die Lebensqualität. "Daneben gibt es jedoch durchaus auch Anwendungen, die Gewebebanken, Hersteller und Vertreiber lieber verschweigen", schreibt die Autorin Martina Keller in ihrem informativen Buch "Ausgeschlachtet - Die menschliche Leiche als Rohstoff" (Econ, Berlin 2008).
So benutzen zum Beispiel Schönheitschirurgen Produkte aus menschlichen Leichen - etwa um den Nasensattel aufzupolstern, Falten zu unterfüttern oder Lippen aufzupumpen. (Genauere Infos hier.)
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Was viele nicht wissen: Man kann auf dem Organspendeausweis übrigens auch ein "Nein" ankreuzen, dass man also jeglicher Entnahme von Organen oder Gewerben eindeutig widerspricht. Kann z.B. nützlich sein in dem Fall, wenn man man fernab seiner Heimat und seiner Bezugspersonen z.B. durch einen schweren Unfall als Organspender in Frage kommt.
Organspendepflicht für ALGII-Empfänger
Twister (Bettina Winsemann) 10.11.2008
Die Forderung des Bayreuther Professors Peter Oberender, Organhandel zu legalisieren, hat nur oberflächlich gesehen nichts mit einer Organspendepflicht zu tun
"Ein Lebender muss die Chance haben, sein Organ zu verkaufen", so Peter Oberender, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Bayreuth, in einem Interview. Und er führt auch gleich aus, dass es hier insbesondere um diejenigen geht, die finanziell schlechter gestellt sind..
Die Debatte um den Organhandel ist keineswegs neu und sollte durchaus auch (!) fernab von emotionalen Einseitigkeiten geführt werden dürfen - solange aber die ALGII-Gesetzgebung in ihrer derzeitigen Form gilt, kann eine Forderung nach einem legalen Organhandel in Deutschland nur auf eine Organspendepflicht für ALGII-Empfänger hinauslaufen. Wobei diese sich nicht unbedingt auf innere Organe beschränken muss: Angesichts der Transplantationsmöglichkeiten, die die Medizin schon heute bietet, ist durchaus auch ein Zukunftsmarkt für Gliedmaßen denkbar.
Legt man sämtliche moralischen Bedenken beiseite, würde damit die Bedürftigkeit verringert werden. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird der ALGII-Empfänger sowieso als nicht vermittelbar eingestuft, warum sollte er da noch akzeptabel aussehen dürfen? Für Sozialhilfeempfänger gälte das gleiche sie sind arbeitsunfähig. Insofern wäre es (rein ökonomisch betrachtet) nicht notwendig, einen Körper in entsprechendem Zustand zu erhalten. Der Weg, den Peter Oberender aufzeigt, ist somit ein Weg, der nur in eine Richtung führen kann: komplette Entrechtung der Armen, diesmal unter dem Schutzmantel der vermeintlichen Selbstbestimmung."
ganzer artikel unter heise.de/tp/r4/artikel/29/29088/1.html
Zwischen beiden besteht doch ein Unterschied. Das Spenden von überlebenswichtigen Organen ist doch etwas anderes als das Spenden von nicht überlebenswichtigem Gewebe. Ersteres hilft Leben zu retten, bei zweiterem ist sich der Spender oft nicht im klaren, was er da zu welchem Zweck spendet.
Und der Gedanke, bei einer Schönheitsoperation nicht nur eigenes Fett (was auch nicht gerade appetitlich ist), sondern auch Teile von Toten eingepflanzt zu bekommen, macht mich schaudern.
Paging