Optische Täuschung Welle oder Sägezahn?

Die Linien auf diesem Bild sind alle gleich geformt, doch der menschliche Sehapparat nimmt sie unterschiedlich wahr.

(Foto: Takahashi/iPerception)

Aus Japan kommt eine neuartige optische Illusion, genannt "Kurven-Blindheit": Sie verwandelt eine sanft gebogene Wellenlinie in ein kantiges Zickzack.

Von Patrick Illinger

Man hat sich ja an so manchen Trick gewöhnt, mit dem optische Täuschungen die menschliche Wahrnehmung aufs Glatteis führen. Da wirken gleich lange Linien ungleich lang, Grautöne ungleich grau, komplexere optische Illusionen scheinen sich sogar zu bewegen. Der weithin bekannten Vielfalt verwirrender Grafiken hat ein Japaner namens Kohske Takahashi nun eine neue Variante hinzugefügt. Der Betrachter der von ihm veröffentlichten optischen Illusion blickt auf eine sanft gewellte Linie, sieht aber je nach Farbgebung eine gezackte Linie. Es ist wie bei allen gut gemachten Tricks dieser Art: Man will einfach nicht glauben, was man sieht.

Eine gleichmäßig geschwungene Sinus-Kurve verwandelt sich in ein Zickzack, wenn sie in regelmäßigen, gleich langen Abständen schwarz und hellgrau eingefärbt wird und vor einem mittelgrauen Hintergrund liegt. Je nachdem, wo die Schwarz-grau-Färbung der Linie wechselt, an den Scheitelpunkten oder an den Wendepunkten, entscheidet sich das Gehirn dafür, Ecken oder Wellen zu sehen.

Das Ganze funktioniert interessanterweise nicht, wenn der Hintergrund weiß oder schwarz ist. Dann sieht der Betrachter ausschließlich runde Wellen, egal wie die schwarzen und grauen Abschnitte der Linie positioniert sind.

Der Sehapparat scheint auf Ecken und Kanten getrimmt zu sein

Vor dem grauen Hintergrund wirken die Rundungen der Sinus-Funktion mitunter wie die Zacken einer Sägezahn-Linie. Allerdings geschieht das nur, wenn die jeweils fallenden Abschnitte anders gefärbt sind als die steigenden. Wechselt die Linienfarbe jeweils an den Wendepunkten, wird der Eindruck einer Welle sogar noch verstärkt. Der Entdecker dieses Effekts, Kohske Takahashi, spricht von "Kurven-Blindheit". Warum das Gehirn diese Fehlleistung erbringt, ist allerdings noch nicht physiologisch untersucht und erklärt.

"Die zugrunde liegenden Mechanismen für die Wahrnehmung von weichen Kurven beziehungsweise stumpfen Ecken konkurrieren hier auf unausgeglichene Weise." Takahashi vermutet, dass die Wahrnehmung von Ecken eine dominierende Rolle im visuellen System des Menschen spielt. Womöglich hat der Effekt damit zu tun, dass die als Zacken wahrgenommenen Linien stärker als die anderen Varianten senkrecht aus dem Bild herauszuragen scheinen - fast so als wäre eine Ecke einseitig von der Sonne beschienen. Das lässt Raum für Spekulationen darüber, welchen Vorteil es in der Evolution gebracht haben könnte, verstärkt Ecken und Kanten wahrzunehmen. Eine befriedigende Erklärung für die erstaunliche Wirkung dieser simplen Grafik gibt es noch nicht.