Ökologie Wölfe helfen Beeren und Bären

Grizzlybären jagen weniger Hirsche, wenn genug Beeren zur Verfügung stehen

(Foto: AFP)

Im Yellowstone-Park beobachten Wissenschaftler zurzeit ein verblüffendes Phänomen: Die Grizzlybären profitieren von der Jagd der Wölfe auf Hirsche. Dafür könnten sie nun neue Probleme bekommen.

Von Christopher Schrader

Die beiden Arten sind die wohl prachtvollsten Bewohner der Rocky Mountains: Wölfe und Grizzlys. Ihr Lebensraum ist eingeschränkt, doch wo beide vorkommen, beobachten Forscher ein verblüffendes Phänomen. Die Bären profitieren vom Jagdinstinkt der Wölfe, wie Wissenschaftler von der Oregon State University am Beispiel des Yellowstone-Nationalparks zeigen.

Die Beziehungen der beiden großen Tiere ist indirekt und komplex, aber letztlich logisch. Nachdem die Wölfe 1995 wieder in dem Park angesiedelt wurden, änderte sich die Ökologie bis in die Pflanzenwelt grundlegend. Die neuangekommenen Raubtiere, die im Rudel jagen, griffen unter anderem die Herden von Wapitihirschen an und reduzierten die Zahl der Huftiere deutlich. Das wiederum ließ Espen- und Weidengehölze höher wachsen, weil ihnen weniger Wapiti-Hirsche die Spitzen abfraßen.

Unter den höheren Bäumen hatten auch Beerensträucher wieder eine Chance und produzierten mehr Früchte. Schnee-, Apfel-, Büffel-, Johannis-, Stachel- und Himbeeren, Felsenbirnen und Heckenkirschen dienen den Bären als Futterquelle im Spätsommer, um sich vor dem Winterschlaf Speck anzufressen.

Die Wissenschaftler William Ripple und Robert Beschta, die solche Kaskadeneffekte in Yellowstone seit Jahren analysieren, finden inzwischen in Bärendreck, den die Pelztiere im August ausscheiden, mehr als doppelt so viel Beerenreste wie noch vor einigen Jahren (Journal of Animal Ecology, online).

Ein Wolf nach der erfolgreichen Jagd auf einen Wapitihirsch im Yellowstone-Nationalpark

(Foto: REUTERS)

In Gegensatz zu ihrem gewalttätigen Ruf suchen sich die Bären im Zweifel Futter, mit dem sie nicht erst kämpfen müssen. Für sie sind die Beeren daher vermutlich nicht zweite Wahl gegenüber einer Diät, die mehr erjagtes Fleisch enthält. Eher ist es umgekehrt: Die Grizzlys hatten sich in den Jahrzehnten, in denen ihnen die nicht von Wölfen behelligten Wapiti-Herden die Beeren wegfraßen, auf Fleisch umgestellt. In ihrem normalen Lebenszyklus nutzen sie diese Futterquelle eher im Frühjahr, wenn es noch wenig Pflanzenkost gibt und die Wapiti-Kälber eine leichtere Beute sind als im Spätsommer.

Dass die Forscher nun dokumentieren, wie gut sich die Bären von Beeren ernähren können, könnte die Pelztiere aber wiederum in Schwierigkeiten bringen. Seit Jahren streiten in den USA Behörden, Gerichte und Umweltschützer, ob Grizzlys noch den besonderen Status als bedrohte Art brauchen. 2007 hatte der offizielle US Fish and Wildlife Service den Bären den Schutz aberkannt, 2009 zwang ein Richter die Behörde nach Klagen von Umweltschützern, die Tiere wieder auf die Liste zu setzen.

Das Argument damals war der Rückgang der weißstämmigen Kiefer, der die Nahrungsbasis der Bären bedrohte. Die Bäume werden in den Rocky Mountains von einer Käferplage dezimiert. Sie bilden in ihren Zapfen nahrhafte Samen, die von Eichhörnchen gesammelt werden; Grizzly plündern dann die Lager der Nager. Wie die Kiefernsamen könnten nun auch die Beeren der Rocky Mountains zum juristischen Argument werden.