Neurowissenschaft Die Gedankenleser

Berliner Neurowissenschaftler entschlüsseln die Sprache des Hirns. Die Technologie zum Gedankenlesen kann Patienten helfen und bei der Verbrechensbekämpfung nützlich sein. Doch der Fortschritt birgt auch Gefahren: Die Gedanken sind frei? Das war einmal.

Von Patrick Illinger

Jetzt bloß nicht das Falsche denken. Immer den grünen Balken im Kopf behalten. Nicht das gelbe Dreieck und nicht den weißen Kreis. Wenn die Konzentration stimmt, erscheint der richtige Buchstabe auf dem Bildschirm. Ein "D", wunderbar. Als nächstes kommt das rote Dreieck dran, dann das blaue Rechteck. Nach einer Weile steht "DAB GEHT GYT" auf dem Monitor.

Zwei falsche Buchstaben in drei Wörtern. Einem Erstklässler könnte man das kaum durchgehen lassen. Aber in diesem Fall ist es eine Sensation.

Der Inhalt ist kläglich, aber es funktioniert

Für diesen Satz wurde kein Finger gekrümmt. Eine Apparatur hat die Buchstaben direkt aus dem Kopf gelesen, anhand winziger elektrischer Spannungen, die das Gehirn erzeugt.

Eine Gummikappe mit 64 Elektroden und viel klebrigem Kontaktgel hat die wenige Mikrovolt starken Spannungen auf der Oberfläche des Schädels gemessen und über ein Kabelbündel in einen Computer gespeist. Die Hirnsignale erscheinen als zittrige Linien auf dem Monitor. Ein bisschen erinnert das alles an Guglielmo Marconis erste Versuche mit drahtloser Telegraphie: Der Inhalt der Nachrichten ist kläglich, unfassbar aber, dass es funktioniert.

"Bei diesem Experiment sollte der Unterkiefer locker nach unten hängen", sagt der Versuchsleiter Klaus-Robert Müller, angespannte Gesichtsmuskeln erzeugen Störströme. Auch dauert es eine Weile, bis Müllers Mitarbeiter am Lehrstuhl für maschinelles Lernen jede der 64 Elektroden auf dem Kopf mit Kontaktgel befeuchtet haben. Danach folgt eine viertelstündige Lernphase, in der die Apparatur im sechsten Stock der Technischen Universität Berlin lernt, wie die Signale des Gehirns aussehen, wenn es an gelbe Dreiecke oder blaue Balken denkt.

Zwischendurch fragt man sich, was die Apparatur womöglich noch alles lesen kann. Was, wenn jetzt geheime Gedanken plötzlich wie ein Youtube-Video auf dem Monitor auftauchen? Ein bisschen fühlt man sich durchleuchtet wie bei einer dieser intensiven Befragungen an einem israelischen Flughafen.

Andererseits ist es beruhigend, nicht zu den "EEG-Analphabeten" zu gehören. So nennen Hirnforscher jene Versuchsteilnehmer, deren elektrische Hirnsignale nur Datensalat produzieren - was angeblich nichts über die Intelligenz dieser Probanden sagt.

Ein D erscheint auf dem Monitor, dann ein A und, Mist, ein B

Megabitweise fließen während der Lernphase EEG-Wellen in den Rechner. Wenn der eigentliche Versuch beginnt, muss sich der Proband nur noch auf die bunten Symbole konzentrieren, und das D erscheint auf dem Monitor, dann ein A und, Mist, ein B.

Eine halbe Stunde später, mit mehr Übung, fühlt es sich fast an wie eine träge Schreibmaschine. Natürlich würde kein gesunder Mensch damit längere Texte verfassen. Aber die möglichen Anwendungen für Patienten wie auch die ethischen Konsequenzen dieser Forschung sind gewaltig: Vollständig gelähmte Patienten könnten wieder kommunizieren, Prothesen werden sich eines Tages mit Gedankenkraft steuern lassen, und von Computerspielen mit Hirnsteuerung zu einfachen Formen der Telepathie ist es dann kein weiter Weg mehr.

Einen Flipper-Automaten, dessen Schläger sich mit Gedanken steuern lassen, hat Müllers Arbeitsgruppe bereits in diesem Frühjahr auf der Computermesse Cebit vorgeführt.

Müller und sein Team sind Teil eines interdisziplinären Netzwerks von Gedankenlesern in Berlin, das unter dem Namen Bernstein Zentrum für Neurotechnologie firmiert. Deren Hauptakteure sind neben Müller der Charité-Arzt und Physiologe Gabriel Curio sowie der Psychologe und Statistik-Experte John-Dylan Haynes, der im Schatten des Charité-Hochhauses eine Forschergruppe leitet, die mit Kernspintomographen in Gehirne blickt.

Die Forschung dieses Netzwerks wird die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten mindestens so beschäftigen wie einst die Entdeckung der Kernkraft, die Genetik oder die Halbleiterphysik.

Der ethische Brennstoff, den die neuesten Einblicke ins Gehirn aufhäufen, ist enorm. Werden wir Menschen der Hoheit über die eigenen Gedanken beraubt? Lassen sich neue Gedanken oder Erinnerungen im Gehirn sogar manipulieren? Werden Verbrecher künftig anhand ihrer Gedanken und nicht mehr auf der Basis von Geständnissen oder Zeugenaussagen verurteilt?

So weit ist die Technik der modernen Gedankenleser noch nicht. Aber - und das ist in den Augen der Forscher der entscheidende Schritt - es ist prinzipiell machbar.