Neuronenforschung Ein Fisch schaut in die Röhre

Um zu zeigen, wie viel Unfug die moderne Hirnforschung treibt, hat ein Forscher die Hirnströme eines toten Lachses gemessen.

Von K. Blawat

Eigentlich war es ein ganz gewöhnliches Experiment, das Craig Bennett von der University of California unternahm. Ein Versuch, wie er im Labor eines Gehirnforschers tagtäglich vorkommt: Ein Proband liegt im Kernspin-Tomographen, und während er kognitive Aufgaben erledigt, wird sein Hirn durchleuchtet. So war das auch bei Craig Bennett, bis auf ein ausgefallenes Detail: Der Proband, dem verschiedene Fotografien von Menschen vorgelegt wurden und dessen Reaktion darauf gemessen wurde, war ein Fisch. Ein Lachs aus dem Atlantik, genauer gesagt. Außerdem war das Tier tot, Bennett hatte es im Supermarkt gekauft.

Geistesblitze eines toten Fisches

Was klingt wie das Experiment eines postmodernen Spinners, hat einen ernsten Hintergrund: Bennett wollte zeigen, wie viel Unsinn in der modernen experimentellen Hirnforschung allenthalben betrieben wird. Die Daten aus einem modernen Kernspin- oder Magnetresonanztomographen (MRT) sind mit großer Sorgfalt zu analysieren. Leider geschieht das in manchen Labors nicht, so dass manche Erkenntnis der Neurologie so viel wert ist, wie die Geistesblitze eines toten Fisches.

Um die gängige Praxis der MRT-Forschung genau nachzuvollziehen, legte Bennett seinen Fisch in den Hirnscanner und erklärte ihm den Versuchsablauf. Nach fünf Minuten war das Experiment beendet, und offenbar hatte der tote Lachs seine Aufgabe verstanden. Als Bennett die Daten auswertete, zeigte sich eine erhöhte Hirnaktivität in einem speziellen, 81 Kubikmillimeter großen Bereich des Denkorgans. Das Ergebnis präsentierte Bennett vor kurzem in San Francisco auf der Human Brain Mapping Conference, einem der wichtigsten Treffen der Kognitionsforscher.

"Ein toter Fisch erkennt menschliche Emotionen - wenn ich ein unbedarfter Forscher wäre, würde ich zu diesem Ergebnis kommen", sagt Bennett. Die funktionelle Magnetrosonanztomographie (fMRT) ist das wichtigste Handwerkszeug vieler Forscher, die einem der größten Geheimnisse der Wissenschaft nachgehen: der Frage, wie das Gehirn funktioniert. Konnte man früher nur in ein Gehirn blicken, indem man es aufschnitt, so kann man heute mit MRT-Technik live beim Denken zusehen - wenn man es richtig macht.

Doch seit etwa zehn Jahren liefert die Wissenschaft eine überwältigende Inflation an Bildern von durchleuchteten Gehirnen, in denen es rot, blau, grün oder gelb leuchtet. Keine Fragestellung ist zu abwegig, als dass man sie nicht im Hirnscanner untersuchen würde.

Gefühle und Vorlieben in bunten Hirn-Bildern

Schon wurden Menschen beim Sex durchleutet. MRT-Aufnahmen scheinen Auskunft zu geben über den Charakter, die Wirkung von Rabatt-Schildern und die Frage, ob jemand gerade an eine Gießkanne oder an ein Auto denkt. In den USA bieten Unternehmen bereits Lügentests mit der fMRT-Methode an. Gefühle, Gedanken, Vorlieben, den Moment einer Entscheidung - all diese wabernden, schwer fassbaren Phänomene materialisieren sich scheinbar in den bunten Hirn-Bildern.

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