Kriminalbiologie und forensische Psychiatrie Licht in die Dunkelheit des Bösen

Bücher über spektakuläre Verbrechen lassen sich gut vermarkten. Und wenn ein Autor Kriminalbiologe ist und selbst als Ermittler arbeitet, klappt das noch besser. In seinem neuen Buch setzt Mark Benecke zwar wieder auf das bewährte Konzept - diesmal aber dient sein Name auch als Köder für seine Frau. Und das ist gut so.

Von Markus C. Schulte von Drach

Mark Benecke, so heißt es in den Medien, ist ein Popstar der Wissenschaft. Das ist seltsam. Nicht nur weil er damit einer Kategorie zugeordnet wird, in die die Medien sonst gern Genies wie Albert Einstein und Stephen Hawking stecken.

Benecke übt natürlich einen etwas ungewöhnlichen Beruf aus - er ist Kriminalbiologe -, und er schreibt Bücher über seine eigene Arbeit sowie über möglichst spektakuläre Verbrechen im Allgemeinen, über Vampire und darüber, dass Tätowierte mehr Spaß am Sex haben. Zudem demonstriert - oder inszeniert - er sein Faible für Tätowierungen, schwarze Kleidung und Silberschmuck.

Das sind natürlich gute Voraussetzungen, um einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Und nach dem Erfolg von Serien wie CSI ist auch klar, dass sich das Publikum nicht mehr angeekelt abwendet, wenn es um Verwesungsprozesse, Blutspurmuster oder ähnliche Dinge geht, mit denen Benecke sich in Beruf und Buch beschäftigt. Damit kann man heute also zum Popstar werden. Aber wieso Popstar der Wissenschaft? Geschenkt.

Auf jeden Fall hat Popstar Benecke Aufmerksamkeit erregt, und das ist, wenn man sein neues Buch liest, zu begrüßen.

Es enthält zwar wieder eine Menge populärwissenschaftlich aufbereitete Forensik - gewissermaßen forensische Popmusik. Es lockt die Leser mit spektakulären Verbrechen: Ausführlich werden das Leben und die Taten des Serienmörders Luis Alfredo Garavito Cubillos beschrieben, der in Kolumbien Hunderte Jungen im Alter von acht bis zwölf Jahren folterte, vergewaltigte und ermordete. Berühmte Mörder werden abgehandelt wie Ted Bundy, David Berkowitz und Jack Unterweger. Und auch Dr. Holmes taucht auf, einer der ersten bekannten Serienmörder, der in Chicago Ende des 19. Jahrhunderts ein ganzes Hotel umgestaltete, um seine Opfer unbemerkt quälen, töten und danach verbrennen zu können.

Weitere Fälle, bei denen Aufmerksamkeit garantiert ist, sind Josef Fritzl, der seine Tochter im Keller gefangen hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte, und Wolfgang Priklopil, den Entführer von Natascha Kampusch.

Aber das Buch beschränkt sich nicht darauf, die morbide Faszination zu befriedigen, die solche Verbrechen auslösen. Es bietet mehr. Vor allem, weil große Teile gar nicht von Mark Benecke stammen, sondern aus der Feder von Lydia Benecke, seiner Ehefrau. Offenbar setzt man im Verlag auf die Strategie, mit dem Namen des Kriminalbiologen zu werben und das Buch mit seinen Beiträgen aufzulockern. Zugleich bekommt die Psychologin eine Plattform für Texte, die mehr in die Tiefe gehen. So tief, dass es für viele Leser eine Herausforderung oder gar Zumutung sein dürfte: Sie verwandelt das Bild, das wir von den schlimmsten Serienmördern, Vergewaltigern und Kinderschändern der Geschichte haben, das Bild von den unmenschlichen Bestien, als die die Medien diese Verbrecher gern beschreiben, zurück in ein Bild zwar furchtbarer, aber eben auch furchtbar gestörter Menschen.

Lydia Benecke fürt die Leser über die grauenhaften Taten zur Geschichte der Täter und wieder zurück. Sie erklärt, was Psychopathen und Soziopathen sind, was es mit Pädophilie, Sadismus, Masochismus und Nekrophilie auf sich hat.

Am Ende findet man die Verbrechen kein bisschen weniger schrecklich. Doch in den Tätern werden die Menschen erkennbar. So ist man gezwungen, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie jemand zum Mörder werden kann. Vielleicht macht so gesehen auch der reißerische und seltsame Titel des Buches Aus der Dunkelkammer des Bösen einen Sinn. In einer Dunkelkammer werden aus rätselhaften Negativen schließlich Bilder entwickelt, auf denen man dank des Lichts, das darauf geworfen wird, tatsächlich etwas erkennen kann.

Lydia Benecke wirft also Licht in die Dunkelheit des Bösen und stellt gemeinsam mit ihrem Mann fest: Die Grundüberzeugung, dass es gute und böse Menschen gibt, wird durch die Untersuchung der Täter fast immer ins Wanken gebracht. "Am Ausgangspunkt der Geschehnisse steht fast immer ein 'normales', wenn auch vernachlässigtes Kind, das Zuneigung und Geborgenheit sucht", so die Erfahrung, die sie persönlich mit Straftätern oder durch das Studium der einschlägigen Dokumentationen gemacht haben.

Wirklich neu ist das alles nicht. Doch vielleicht erreichen diese Erkenntnisse über das Buch eines "Popstars" eine breitere Leserschaft. Das wäre zu wünschen. Denn Verbrecher einfach als böse zu bezeichnen, wie es häufig geschieht, damit macht man es sich zu leicht. Das erklärt nichts und lenkt von einer einfachen Tatsache ab: Auch das, was auf den ersten Blick unbegreiflich erscheint, hat Ursachen. Wenn man begreift, wie Menschen zu Verbrechern werden, kann man vielen Verbrechen vorbeugen.

Es ist hier sogar etwas inkonsequent, wenn Lydia Benecke etwa den Inzesttäter Josef Fritzl einerseits als "getrieben von Gefühlen" beschreibt und ausführlich die Ursachen hinter seinen Verbrechen erklärt - und andererseits konstatiert, er hätte sich "frei dazu entschieden, so zu handeln". Als wie frei wollen wir einen Triebtäter betrachten, der infolge einer gestörten Psyche völlig falschen - oder gar keinen - ethischen Prinzipien folgt und seine Verbrechen vor sich selbst rechtfertigt? Doch diese Diskussion hätte den Rahmen des Buches wohl gesprengt.

Man fragt sich auch, wie ernst Mark Benecke das Buch eigentlich selbst nimmt. Es ist schon irritierend, wenn er uns im Vorwort "Viel Spaß beim Lesen" wünscht. Nein, Spaß hat man bei der Lektüre wirklich nicht - es sei denn, man gehört zu einer der Gruppen psychisch Gestörter, mit denen das Buch sich beschäftigt.

Aus der Dunkelkammer des Bösen, von Mark Benecke & Lydia Benecke. Bastei Lübbe Verlag, Paperback, 431 Seiten, ISBN: 978-3-7857-6046-8, 14,99 Euro