Klimawandel Harte Daten

Die weltweiten Meeresspiegel steigen mit zunehmender Geschwindigkeit. Setzt sich der heutige Trend fort, werden die Ozeane bis zum Jahr 2100 um 65 Zentimeter anschwellen.

Von Christopher Schrader

Für die Bewohner vieler Pazifikinseln ist schon ein geringer Meeresspiegelanstieg eine große Gefahr.

(Foto: David Gray/Reuters)

Die Ozeane schwellen aufgrund des Klimawandels an, und der Meeresspiegel steigt mit zunehmender Geschwindigkeit. Das haben Wissenschaftler um Steve Nerem von der University of Colorado in Boulder anhand von Satellitendaten festgestellt. Rechnet man den gemessenen Trend in die Zukunft hoch, so dürften die Pegel im Jahr 2100 um 65 Zentimeter über dem Stand von 2005 liegen. Nur wenn man die sich abzeichnende Beschleunigung des Anstiegs ignoriert, ergäbe sich am Ende des Jahrhunderts lediglich ein Plus von 30 Zentimetern (PNAS, online).

Die Differenz zwischen 30 und 65 Zentimetern, den Beträgen nach mehr als eine Verdopplung, hat der Studie am Montag zu großer Medien-Präsenz verholfen. Das mag im Heimatland der Forscher wichtig gewesen sein, wo nicht erst seit Donald Trump "Klimawandel" und "Meeresspiegelanstieg" oft als linke Kampfbegriffe verschrien sind.

Dass es wohl nicht nur bei 30 Zentimetern bleiben würde, hatten Klimaforscher seit längerem angenommen. Einfach die momentanen Werte fortzuschreiben wäre naiv - kein Autofahrer würde die Fahrzeit bis zum Ziel aus dem Tempo berechnen, das er auf der Autobahnauffahrt hat. "Es gab am Anfang des 20. Jahrhunderts einen jährlichen Anstieg von einem Millimeter und zu Beginn des 21. Jahrhunderts von drei Millimetern", sagt Anders Levermann von Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Schon daran sieht man, dass die Rate des Anstiegs an sich steigt."

Die nunmehr aufrüttelnden 65 Zentimeter sind bereits in manchen Klimamodellen aufgetaucht. "Dies stimmt ungefähr mit dem Bericht des Weltklimarats IPCC von 2013 überein", schreibt auch das US-Team in ihrer Publikation. Doch nun gibt es für diese zuvor eher theoretisch untermauerte Prognose, harte empirische Belege. Das ist für die Forschung wertvoll.

Der IPCC selbst hatte seine Schätzungen im Jahr 2013 nicht eben klar kommuniziert. Aufgrund verschiedener möglicher Szenarien, wie die Menschheit Klimaschutz betreibt, nannte der IPCC Bandbreiten für den Anstieg der Meere. So ergaben sich Werte zwischen 26 für ehrgeizige und 82 Zentimeter für gescheiterte Politik. Die am häufigsten erwähnte Spanne lautete 40 bis 63 Zentimeter; darauf bezieht sich das Nerem-Team. Jedoch berechnete der IPCC Mittelwerte der Jahre 2081 bis 2100. Am Ende dieses Jahrhunderts könnte das Meer laut IPCC-Hochrechnungen auch fast einen Meter über die heutigen Pegelsände hinausschwappen.

Neuere Modellrechnungen, welche die physikalischen Vorgänge im Detail durchspielen, legen sogar Werte von anderthalb Meter und mehr bis 2100 nahe. Daran gemessen wirkt die statistische Hochrechnung in der aktuellen Studie mit ihren 65 Zentimeter fast harmlos. Sie enthält allerdings eine weitere alarmierende Zahl: Bis 2100 könnte die jährliche Steigerung einen Zentimeter erreichen, das dreifache der heutigen Zunahme. Der Zwang, jedes Jahrzehnt zehn Zentimeter höhere Wasserstände zu bewältigen, könnte die Anpassungsfähigkeit der Zivilisation überfordern.