Männliches Hormon Was die Testosteron-Therapie anrichten kann

Der Pop-Punker Iggy Pop in Aktion. Manche Männer brauchen auch im Alter offensichtlich keine Zusatzdosis Testosteron.

(Foto: Ferdy Damman/dpa)
  • Bei alternden Männern sinkt der Testosteronspiegel auf natürliche Weise. Angeblich soll das zu Müdigkeit und Störungen des Liebeslebens führen.
  • Ärzte behandeln das oft mit einer Hormontherapie, bei der Testosteron künstlich zugeführt wird.
  • Neuere Studien bezweifeln die Wirksamkeit der Therapie, sie sei sogar schädlich.
Von Kathrin Zinkant

Altwerden ist nichts für Feiglinge. Erst recht nicht, wenn einem um die 50 herum ein Fragebogen zu körperlicher Fitness, seelischem Befinden und sexueller Leistungsfähigkeit begegnet. Schließlich haben die Jahre bereits deprimierende Spuren hinterlassen: Das Haar ist dünner geworden, die Lust im Ehebett ein seltener Gast, und obwohl man früher mal sehr sportlich gewesen ist, lassen auch die Muskeln ihre gewünschte Spannkraft vermissen. Und weil die Kreuzchen deshalb irgendwo mittig im Punkteschema des Fragebogens landen, kommt eigentlich immer dabei heraus, dass Mann unter einem altersbedingten Mangel des Sexualhormons Testosteron leiden könnte. ADAM nennen es Männerärzte, für androgen deficit of the aging male. Und werben für die naheliegende Lösung: Das schwindende Hormon der Männlichkeit mit Pflastern, Gels oder Spritzen zu ersetzen.

Tatsächlich sinkt die Menge des Hormons bei allen alternden Männern auf natürliche Weise. Doch bei den wenigsten - schätzungsweise drei bis fünf Prozent - ist der Verlust für Symptome wie Müdigkeit und Männlichkeitsverlust verantwortlich. Und wie wenig der Ersatz bringt, belegt nun abermals eine fachgerecht durchgeführte, placebokontrollierte Untersuchung im Medizinjournal Jama: Endokrinologen um den Experten Shalender Bhasin von der Harvard Medical School im amerikanischen Boston haben mehr als 300 Männer mit einem altersbedingt niedrigen Testosteronspiegel drei Jahre lang behandelt.

Die Männer waren 60 Jahre oder älter und erhielten entweder das Hormon oder ein Scheinpräparat. In erster Linie wollten die Forscher herausfinden, wie sich ein jugendlicher Testosteronspiegel auf die Gefäße der älteren Männer ausübt. Frühere Studien hatten vage Hinweise darauf geliefert, dass ein hoher Testosteronspiegel im Blut sich positiv auf eine sich entwickelnde Atherosklerose auswirken könnte. Zugleich legten andere Studien den Verdacht nahe, das zugeführte Hormon erhöhe das Infarktrisiko.

Statt sexuelle Probleme zu beheben, erhöhte das Hormon die Zähigkeit des Bluts

Bhasin und sein Team konnten zumindest den positiven Effekt auf die Arterien durch ihre Studie ausschließen. Zugleich aber stellten sie erneut fest, dass sich auch die Lust- und Potenzprobleme der Männer durch das Testosteron nicht verringern ließen. Die Präparate hatten insgesamt auch keine Wirkung auf die allgemeine Lebensqualität. In einer weiteren Studie zeigte ein Teil des Forscherteams zudem, dass sich auch altersbedingte Probleme mit dem Samenerguss nicht durch Testosteron beheben ließen.

Die einzigen nachweisbaren Effekte waren daher die Nebenwirkungen der Substitution: Bei den Probanden der Testosterongruppe stieg der Wert des Prostataspezifischen Antigens (PSA) im Blut deutlich an, teilweise über jenen Wert, der in der Früherkennung von Prostatakrebs als Anlass für eine Biopsie genommen wird. Tatsächlich kann Testosteron das Wachstum von kleinen, noch unentdeckten Tumoren anregen. Außerdem kletterte auch der sogenannte Hämatokrit in dieser Gruppe in die Höhe. Er beschreibt die Zelldichte im Blut, also dessen Zähigkeit. Mit dem Hämatokrit steigt auch das Risiko für Blutklumpen, die Arterien verstopfen und zu Schlaganfällen führen können.

Entgegen den wissenschaftlichen Ratschlägen steigen die Behandlungszahlen

Vor allem noch gesunde Männer sollten trotz der körperlichen Bürden des Alters deshalb auf die Substitution verzichten. Seriöse Andro- und Urologen warnen ihre Klientel ohnehin schon seit mehr als zehn Jahren davor, sich eine Krankheit einreden und sie mit teuren Testosteronpräparaten behandeln zu lassen. Dennoch lässt das Interesse an der überflüssigen Therapie nicht nach. In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Testosteronbehandlungen zwischen 2009 und 2013 von 1,3 auf 2,3 Millionen geklettert. In Schweden hat sich die Zahl der therapierten Männer binnen acht Jahren fast verdoppelt.

Und auch in Deutschland nehmen die Anfragen für eine Substitution des vermeintlich fehlenden Hormons nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie stetig zu - wenngleich schwer zu sagen ist, in welchem Maße. Experten gehen aber davon aus, dass sich der Verbrauch an Testosteron in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt hat. Die Hersteller der Präparate können sich also darauf verlassen: Die Angst davor, nicht nur alt zu werden, sondern sich auch alt zu fühlen, bleibt. Und tatsächlich wäre es zu schön, wenn ein Pflaster dagegen helfen würde.