Gentechnologie Giftpilz im Gentech-Getreide

Weizen mit einem Resistenz-Gen gegen Mehltau zeigt im Gewächshaus Vorteile gegenüber den Ursprungssorten. Doch im Freilandversuch enthält er zwanzig Mal mehr Mutterkornpilz als zum Verzehr zugelassen ist.

Von Wiebke Rögner

Ein Acker ist kein Gewächshaus, und genmanipulierte Pflanzen reagieren deutlich auf diesen Unterschied. Gentech-Weizen, der unter Glas Vorteile bietet, ist auf freiem Feld den Ursprungssorten unterlegen und häufiger mit Mutterkorn verseucht, zeigen Versuche von Pflanzenforschern der Universität Zürich (PLoS one, Bd.5, S.e11405, 2010).

Simon Zeller und seine Kollegen untersuchten vier Weizen-Linien, denen ein Gen aus einer alten asiatischen Weizensorte ins Erbgut eingebaut worden war. Es verleiht Resistenz gegen Mehltau. Sie verglichen die Pflanzen mit den Ursprungssorten ohne Resistenz-Gen.

Im Gewächshaus lief alles wie erwartet: Der resistente Weizen lieferte etwa doppelt so hohe Erträge wie die oft vom Mehltau geschädigten konventionellen Verwandten. Wurden im Gewächshaus allerdings Pflanzenschutzmittel gegen Mehltau gesprüht, waren die normalen Pflanzen ertragreicher.

Die manipulierten Pflanzen seien sehr stressempfindlich, folgern die Züricher Forscher. Offenbar zahlten die veränderten Pflanzen für die Resistenz gegen Mehltau den Preis geringerer Widerstandskraft gegen andere Unbilden.

Diese Befürchtung bestätigte sich, als der gentechnisch veränderte Weizen sich auf offenem Feld behaupten sollte. Zwar wurde er auch dort kaum von Mehltau heimgesucht. Trotzdem lieferte er bis zu 50 Prozent geringere Erträge als konventioneller Weizen.

Auch war der Gentech-Weizen anfällig für einen gefährlicheren Parasiten - den Mutterkornpilz. Alle vier Gentech-Sorten waren stärker mit dem giftigen Pilz befallen als nicht manipuliertes Getreide. Bei zwei Linien war ein Prozent der Körner betroffen. Das ist zwanzig Mal so viel, wie zum Verzehr bestimmtes Getreide enthalten darf.

Freiluftbedingungen setzen dem Gentech-Weizen zu

Mutterkorn ist ein Schlauchpilz, der auf Gräsern und Getreide gedeiht. Es enthält Gifte, die Bauchkrämpfe, Durchblutungsstörungen und Halluzinationen hervorrufen - früher waren Massenvergiftungen als "Antoniusfeuer" gefürchtet. Schon einige Gramm frischen Mutterkorns können tödlich sein. Der Name geht auf den einstigen Gebrauch als Abtreibungsmittel zurück, da Mutterkornalkaloide Wehen auslösen können.

Offenbar setzen Freiluftbedingungen wie Trockenheit oder konkurrierende Pflanzen dem Gentech-Weizen zu, vermuten die Forscher. Was in den Pflanzen vorging, wissen sie nicht. Allerdings wiesen mit Mutterkorn verseuchte Weizen-Linien veränderte Ähren auf - womöglich konnte der Pilz hier besser eindringen.

Da die Probleme im Gewächshaus nicht zu erkennen waren, fordern die Autoren mehr Freilandversuche. Nur so ließe sich die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt verstehen.

Christoph Then, Geschäftsführer des Gentechnik-kritischen Verbandes Testbiotech widerspricht: "Solche Feldversuche sind verfrüht." Zuvor müssten mit Gentech-Pflanzen mehr Stress-Tests in Labors und Gewächshäusern stattfinden, in denen Pflanzen verschiedenen Umweltbedingungen ausgesetzt werden.

"Nicht einmal für längst zugelassene gentechnisch veränderte Maissorten ist bisher systematisch überprüft worden, wie diese etwa auf extreme Klimabedingungen reagieren", kritisiert Then, "und das in Zeiten des Klimawandels."

Für die Zulassung von Gentech-Sorten durch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA werden solche Studien nicht verlangt. "Erst nach solchen Crashtests wären Freilandversuche sinnvoll, wenn man solche Pflanzen anbauen will", sagt Then. Alles, so räumt er ein, lässt sich eben doch nicht im Gewächshaus herausfinden.