Gentech-Kritiker Aktivist statt Whistleblower

Der französische Gentech-Kritiker Gilles-Eric Séralini erhält den Whistleblowerpreis 2015. Das ist bedauerlich, denn er tritt nicht wie ein neutraler Wissenschaftler auf.

Kommentar von Sebastian Herrmann

Wer sich den richtigen Gegner aussucht, kann gar nicht verlieren. Tritt ein David gegen einen Goliath an, sind die Sympathien eindeutig vergeben. Der Kleine steht für das Gute in der Welt, der Große für das Böse. Deshalb beurteilt das Publikum die Strategien des Davids stets mit größter Milde. Ob seine Meinung korrekt ist, seine Methoden sauber sind? Egal, schließlich legt er sich mit dem richtigen Gegner an.

So in etwa verhält es sich auch im Fall des Molekularbiologen Gilles-Eric Séralini von der Universität Caen, der nun mit dem Whistleblower-Preis 2015 ausgezeichnet wird, den unter anderem die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) vergibt. Die Jury würdigt Séralini als unerschrockenen Forscher, der es mit der Gentechnik- und Chemie-Industrie aufnimmt, um die Gesundheit der Menschen zu schützen. Dass Séralini aber eher auftritt wie ein Aktivist als ein neutraler Wissenschaftler, dass seine Arbeit mit Interessenskonflikten verknüpft ist, darüber sieht die VDW offenbar gnädig hinweg. Séralini hat sich schließlich den richtigen Gegner ausgesucht - Konzerne wie Monsanto.

Durch die Ehrung von Séralini wird der Mut echter Whistleblower entwertet

Im Jahr 2012 veröffentlichte Séralini eine Studie, mit der er enorme Öffentlichkeit erzielte. Er präsentierte seine Arbeit als Beweis dafür, dass ein gentechnisch veränderter Mais der Firma Monsanto und das Herbizid Roundup krebserregend seien. Jedoch sei die Methodik seiner Studie so gewählt, dass die Arbeit genau dieses Ergebnis erbringen würde, monierten Kritiker mit guten Argumenten. Der Biologe hatte für seine zweijährigen Fütterungsversuche eine Rattenart gewählt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin an Tumoren erkrankt, unabhängig davon, womit sie gefüttert werden. Auch die Größe der Vergleichsgruppen der Versuchstiere war so klein, dass sich eher das Schockergebnis erzielen ließ. Das Fachjournal, das die Studie veröffentlicht hatte, erkannte die methodischen Mängel an, zog die Publikation zurück - und beförderte das Bild von Séralini als Forscher, der mundtot gemacht wird.

Es ist bedauerlich, dass sich auch die VDW von diesem Bild blenden lässt. Mit der Ehrung des Biologen wird der Mut jener Menschen entwertet, die als echte Whistleblower brisante Informationen veröffentlichen, obwohl sie dadurch persönlich viel zu verlieren haben. Séralini hingegen hatte eher viel zu gewinnen: Seine Studie verhalf seinem zeitgleich veröffentlichten Anti-Gentech-Buch zu großer Aufmerksamkeit, ebenso der von ihm mitgegründete Anti-Gentech-Lobby-Organisation CRII-GEN. Weiterhin profitierte die Firma Sevene Pharma, die für ein homöopathisches Roundup-Entgiftungs-Produkt trommelte und laut Medienberichten mit CRII-GEN verknüpft ist. Séralini hat auch für diese Firma Studien erstellt. Ein Whistleblower ist Séralini gewiss nicht. Doch die Geschichte vom David gegen Goliath überzeugt das Publikum immer wieder, wohl auch die VDW. Das ist bedauerlich.