Genetische Manipulation Eine Grenze ist überschritten

Bisher war die genetische Manipulation von menschlichen Embryonen nicht möglich. Das hat sich geändert.

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Genforscher haben davor gewarnt. Und trotzdem veröffentlichten chinesische Wissenschaftler eine Arbeit, die die gezielte genetische Manipulation von menschlichen Embryonen dokumentiert. Die Zukunft und die Identität der Spezies Mensch stehen auf dem Spiel.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Früher war es mit der biotechnologischen Forschung noch einfach, denn alles hatte seine Zeit. Man erinnere sich an Schaf Dolly: Kaum waren die ersten Wellen des Protestes verebbt, kehrte Gemütlichkeit in die Debatte ums Klonen ein. Die befürchteten Klonsoldaten tauchten ja nirgends auf. Der nächste Dammbruch folgte erst Jahre später - und erwies sich auch noch als Betrug. Wieder durfte der Diskurs ein bisschen dösen. Fortschritt brauchte seine Zeit.

Das ist jetzt allerdings vorbei, und zwar ein für alle Mal. Es gilt aufzuwachen, die Sinne zu schärfen, um noch Schritt halten zu können mit dem, was passiert. Als die Newsredaktion des Wissenschaftsjournals Nature am vergangenen Donnerstag von einer Weltneuheit berichtete, ging es um einen biotechnologischen Scoop, vor dem weltweit annerkannte Genforscher eben erst gewarnt haben: die gezielte genetische Manipulation von menschlichen Embryonen.

Unangetastete Grenze überschritten

Bisher war die so gar nicht möglich. Doch die Warner wussten, was sie meinten. Nur fünf Wochen später haben chinesische Wissenschaftler jetzt eine Arbeit veröffentlicht, die eine solche Manipulation an befruchteten Eizellen dokumentiert. In der Theorie ist damit eindeutig eine bislang unangetastete Grenze überschritten, die vielzitierte rote Linie. Denn was der Mensch in solchen sehr frühen Embryos verändert, bleibt. Für alle folgenden Generationen. Für immer.

Schuld daran ist eine verblüffend effektive und dabei leicht anzuwendende Technik, die erst vor drei Jahren entwickelt wurde und in einem Tempo die Biolabors der Welt erobert hat, das wenige für möglich hielten. Die Methode mit dem kuriosen Namen Crispr/Cas9 (gesprochen Krisper-Kas-nein) sollte man sich allerdings merken. Sie hat längst schon einen Zeitenwechsel in der Lebenswissenschaft eingeleitet, weil sie im Prinzip jeder Azubi anwenden kann - und weil sie derart rasant verbessert wird, dass jede Arbeit, die jetzt erscheint, im Grunde schon mit altem Werkzeug hantiert. Allein in den vergangenen Wochen sind mehrere Belege dafür erschienen, unter anderem aus Deutschland, wie hervorragend sich Crispr noch besser, noch effektiver machen lässt.