Gene Editing Deutsche Embryonen-Forscher schauen nur zu

Bisher genießen Embryonen - wie dieser fünf Tage alte Embryo - in Deutschland umfassenden Schutz.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)
  • Eine Nachwuchsforscherin hat die weltweit erste Arbeit publiziert, für die gezielt in die Genetik der menschlichen Embryonalentwicklung eingegriffen wurde.
  • Wie die Forscher berichten, können Defekte in einem Gen das Wachstum von sehr frühen Embryonen massiv stören und eine normale Entwicklung unterbinden.
  • Die Erkenntnis könnte helfen, die Erfolgsrate von künstlichen Befruchtungen zu erhöhen - und zu verstehen, warum die natürliche Fortpflanzung selten erfolgreich verläuft.
Von Kathrin Zinkant

Zwei Jahre sind in der Wissenschaft eine ziemlich kurze Zeit. Insbesondere dann, wenn innerhalb dieser 24 Monate nicht einfach nur Experimente fortgesetzt und dabei ein bisschen weiterentwickelt werden. Sondern wenn Forscher etwas völlig Neues probieren. Und es tatsächlich auch noch funktioniert.

Der britischen Entwicklungsbiologin Kathy Niakan ist dieses Kunststück gelungen. Vor wenigen Tagen hat die Nachwuchsforscherin vom Francis Crick Institute in London die weltweit erste Arbeit publiziert, für die gezielt in die Genetik der menschlichen Embryonalentwicklung eingegriffen wurde. Wie Niakans Team in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Nature berichtet, können Defekte in einem Gen namens Oct-4 das Wachstum von sehr frühen Embryonen massiv stören und eine normale Entwicklung unterbinden.

Die Erkenntnis könnte künftig dabei helfen, die Erfolgsrate von künstlichen Befruchtungen zu erhöhen - und zu verstehen, warum auch die natürliche Fortpflanzung so selten erfolgreich verläuft. Tatsächlich kommt es bei sieben von acht im Körper befruchteten Eizellen nicht zu einer stabilen Schwangerschaft.

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Der heimliche Superstar der Studie aber heißt wieder einmal Crispr-Cas. Die Genschere beschleunigt die Arbeit in den Lebenswissenschaften derart, dass kaum noch Zeit zum Innehalten bleibt. Insbesondere nicht für die Ethiker, für die der Eingriff in die menschliche Keimbahn ein besonders heikles Feld ist. Zwei Jahre ist es erst her, dass Niakan die erste Erlaubnis zur genetischen Veränderung von lebensfähigen menschlichen Embryonen erhalten hat.

Großbritannien hatte sich mit der Erlaubnis im September 2015 als erstes Land offiziell dazu bekannt, zumindest experimentell in das Erbgut des Menschen eingreifen zu wollen. Versuche an überzähligen Embryonen aus künstlichen Befruchtungen waren zwar schon zuvor in engen Grenzen gestattet gewesen, aber eben nicht der Griff in die Gene. Die Entscheidung hatte 2015 für großes Aufsehen gesorgt und massive Kritik geerntet.

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Für deutsche Wissenschaftler haben die britischen Genexperimente an menschlichen Embryonen aber noch eine besonders schmerzhafte Erkenntnis zu bieten: Obwohl sich andere Säugetiere für grundsätzliche Forschungen zur Embryonalentwicklung sehr wohl eignen, zeigen die Experimente von Niakan auch sehr deutlich, dass diese Vergleichbarkeit Grenzen hat. So wurde das jetzt als so wichtig erkannte Gen Oct-4 1990 zwar vom deutschen Stammzellforscher Hans Schöler in der Maus entdeckt.

Wie die aktuelle Arbeit jetzt belegt, spielt es in der Embryonalentwicklung des Menschen allerdings eine etwas andere Rolle als in dem häufig genutzten Versuchstier. "Obwohl sich die Embryonen von Maus und Mensch sehr ähnlich sind, zeigt diese Arbeit, dass man beides untersuchen muss", sagt die Embryologin Magdalena Zernicka-Götz von der britischen University of Cambridge. In Deutschland ist die Forschung an Embryonen jedoch verboten.

Man konnte die Wehmut der hiesigen Forschergemeinde am Wochenende nach der Veröffentlichung fast greifen. Niakans Vorgesetzter, Robin Lovell Badge, war aus London nach Halle an der Saale gereist, um über Für und Wider des Genome Editing in der Keimbahn zu sprechen. Aus gegebenem Anlass jedoch berichtete er über die Studie seiner Mitarbeiterin, zeigte Kurzfilmchen von wachsenden Zellkugeln, die sich normal oder eben nicht normal entwickelten, und erklärte weitere Details des eleganten Experiments.