Forschung Die Psychologie stellt sich selbst in Frage

Die Psychologie überprüft ihre Forschungsergebnisse - und die meisten Studien lassen sich nicht wiederholen. Peinlich? Nein, im Gegenteil, ein Beispiel für gute Wissenschaft.

Ein Kommentar von Sebastian Herrmann

Es ist so leicht, über die Psychologie zu spotten. Auch die Forschung in dieser Lari-Fari-Disziplin bestätige nur das, was eh jeder wisse, heißt es gern. Und wenn die Experimente doch einen überraschenden Ausgang erbringen - hi, hi, dieses verrückte Unterbewusstsein! - dann sei das so zuverlässig, wie Horoskope in Frauenzeitschriften. Bei Spott dieser Art handelt es sich um ein ödes und vorschnelles Urteil. Selbst wenn die Psychologie gelegentlich unsinnige Studien und banale Ergebnisse produziert: Die Disziplin führt gerade vor, wie Wissenschaft eigentlich funktionieren sollte.

Weltweit arbeiten mehr als 200 Psychologen daran, die Aussagekraft der eigenen Experimente zu überprüfen - und stellen damit vordergründig ihre Forschung in Frage. Doch sie setzen um, was in der Wissenschaft seit langem vergeblich gefordert wird: Skeptisch auf die eigene Arbeit zu blicken und Ergebnisse zu überprüfen. Seit drei Jahren betreiben Psychologen auf Initiative von Brian Nosek von der Universität von Virginia Inventur.

Die Psychologie führt gerade vor, wie Wissenschaft betrieben werden sollte

Für das Reproducibility Project wurden 100 Studien aus den wichtigsten psychologischen Fachjournalen wiederholt. Die Frage ist: Werden die Experimente die gleichen Ergebnisse ergeben, wenn sie so exakt wie möglich wiederholt werden? Die Resultate scheinen zunächst den Spöttern recht zu geben. Nur etwa ein Drittel der wiederholten Studien ergaben ebenfalls so signifikante Ergebnisse wie die jeweilige Originalarbeit. Das Ausmaß der beobachteten Effekte lag außerdem im Durchschnitt niedriger.

Die Mehrzahl der Studien lässt sich also nicht reproduzieren und wenn, dann ergeben sie ein weniger klares Ergebnis. Auch in der Medizin, der Biologie und anderen Fächern werden viele überflüssige oder gar falsche Ergebnisse veröffentlicht. Doch vorerst streut sich nur die Psychologie Asche auf ihr Haupt und versucht, das Ausmaß ihres Problem so direkt zu ermitteln. Die Initiative löst offenbar bereits ein Umdenken aus: In einem Editorial in Psychological Science formuliert Stephen Lindsay künftige, strengere Qualitätsanforderungen für Veröffentlichungen in dem Fachblatt, durch die Publikationen vielleicht langweiliger, dafür aber zuverlässiger werden würden.

Kürzlich veröffentlichte Psychological Science übrigens eine Studie, die sich als Ergebnis der neuen Ansprüche interpretieren lässt: Die Forscher berichteten darin, dass sie keinen Beleg für ihre Hypothese gefunden hätten. So etwas publizieren Fachjournale sonst ungern: Wer interessiert sich schon für negative Ergebnisse? Andere Forscher, die an ähnlichen Fragen arbeiten. Für die ist es sehr wichtig zu wissen, wenn etwas nicht klappt. Was derzeit in der Psychologie geschieht, ist nicht peinlich für das eigene Fach, sondern ein Beispiel für gute Wissenschaft.