Fischerei Zählung mit Haken

Seit Jahren streiten Fischer und Umweltschützer, ob die Menschheit die Meere ausplündert.

(Foto: epa/dpa)

Die offizielle Statistik der UN unterschätzt, wie viele Fische in den vergangenen Jahrzehnten gefangen wurden. Kanadische Meeresbiologen präsentieren nun eine Studie, die diese Dunkelziffer beseitigen soll.

Von Robert Gast

Plündert die Menschheit die Meere aus, oder erfüllen Fangquoten und Fischereiverbote ihren Zweck? Seit Jahren streiten Fischer und Umweltschützer über diese Frage, nun befeuert eine neue Studie die Debatte. In den vergangenen Jahrzehnten habe es gut 50 Prozent mehr Fischfang gegeben, als in den Daten der Welternährungsorganisation (FAO) verzeichnet ist, schreiben zwei Meeresbiologen im Fachmagazin Nature Communications. Die Ozeane seien daher stärker überfischt als vermutet.

Zwölf Jahre lang haben Daniel Pauly und Dirk Zeller von der Universität in British Columbia an der Studie gearbeitet. Die ambitionierte Arbeit soll eine Dunkelziffer beseitigen, die schon länger Diskussionen über Fischerei beeinflusst: In den Statistiken der FAO tauchen nur jene Fangmengen auf, die von den 194 Mitgliedsstaaten der UN-Behörde gemeldet wurden. Damit fallen aber viele Fänge durchs Raster, vermuten Experten: Kleine Fischereien in Entwicklungs- und Schwellenländern melden längst nicht immer bei Behörden, was sie aus dem Meer ziehen, genauso wenig wie Sportfischer und illegal operierende Fangflotten. Auf großen Fischerbooten, die Meldung erstatten, ist es wiederum üblich, einen Teil der toten Beute zurück ins Meer zu werfen.

Seit dem Jahr 1996 landet Jahr für Jahr weniger Beute in den Netzen der Fischer

Pauly und Zeller wollen nun erstmals umfassend abgeschätzt haben, wie stark diese Praktiken die Fischbestände rund um den Globus belasten. Dazu haben sie etwa 200 Quellen ausgewertet, mit deren Hilfe sich die tatsächlichen Fangmengen rekonstruieren lassen sollen: So nutzten die Biologen zum Beispiel Statistiken zum Fischkonsum in einer Region, um daraus die Zahl der gefangenen Meeresbewohner abzuleiten. Oder aber sie schlossen von der Zahl der Fischereiboote in einem Hafen auf das Fangvolumen.

Die so ermittelten Zahlen liegen deutlich über denen der FAO. Im Jahr 1996, in dem weltweit am meisten Fisch gefangen wurde, sollen statt bloß 86 Millionen Tonnen, wie bislang vermutet, etwa 130 Millionen Tonnen Fisch gefangen worden sein. Und auch andere Zahlen der UN-Behörde sind aus Sicht der Autoren überholt: Seit dem Jahr 1996 falle die jährliche Fangmenge deutlich stärker, als Experten bisher vermuteten, Jahr für Jahr lande weniger Beute in Netzen. "Das kommt daher, dass Länder ihre Fischgründe erschöpft haben", sagt Pauly.

Noch ist aber unklar, ob sich diese Deutung auch durchsetzen wird. Die Schätzungen der Biologen weisen große statistische Unsicherheiten auf. So lässt ihre Analyse auch den Schluss zu, dass im Rekordjahr 1996 etwa 190 Millionen Tonnen Fisch gefangen wurden, oder aber nur 70 Millionen Tonnen. "Die Hauptaussage der Studie ist wenig überraschend und wurde von der FAO auch immer so kommuniziert", sagt Christopher Zimmermann, der das Thünen-Institut für Ostseefischerei leitet.

Die FAO erklärte am Dienstagabend in einer Mitteilung, sie teile die Schlussfolgerung, dass ihre Statistik verbesserungswürdig ist. Es fehle aber an Geld, um vollständige Daten zu erheben. Dabei gelten die Zahlen der UN-Behörde als wichtige Referenz bei der Regulierung der Fischerei. "Sie bieten überall da die Basis für Fangquoten, wo es keine anderen Zahlen gibt", sagt Rainer Froese vom Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung Geomar. Das sei zum Beispiel in Teilen des Mittelmeers der Fall. In der EU orientierten sich Behörden hingegen an den detaillierteren Bestandsschätzungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen, sagt Christoph Stransky vom Thünen-Institut für Seefischerei. Diese Zahlen stammen zum Beispiel von Forschungsschiffen, die Ozeane abfahren und dabei Fische zählen.