Esoterik an der Uni Viadrina Zu tief in die Röhre geschaut

An der Universität in Frankfurt (Oder) hat ein Student seinen Master mit einem kruden Experiment zum Hellsehen gemacht. Seine Professoren sind begeistert. Kritiker halten die Arbeit für eine "völlige Entgleisung akademischer Qualitätsstandards".

Von Sebastian Herrmann

In der Röhre sprechen die Toten zu den Lebenden. Häufig, so heißt es, begegnen einem im Inneren eines sogenannten Kozyrev-Spiegels auch Außerirdische und deren Ufos. Andere Menschen erfahren darin laut eigenen Aussagen telepathische Kontakte, oder sie haben das Gefühl zu fliegen.

Das klingt wild - doch letztlich handelt es sich nur um Selbstbespiegelungen von Menschen, die in einer in der Esoterikszene beliebten Konstruktion liegen und gern in sich hinein horchen.

Derzeit zeigt der Kozyrev-Spiegel aber sehr reale Auswirkungen: An der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ist eine Masterarbeit zu den mit Alufolien ausgekleideten Röhren angenommen worden, die nach dem russischen Astronomen Nicolai Kozyrev benannt sind.

In der Arbeit will der Autor Peter Conrad Hinweise dafür gefunden haben, dass die Konstruktion hellseherische Fähigkeiten verleiht. Das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (Intrag) lobte die Masterarbeit als "hervorragende experimentelle" Studie und löste damit Entrüstung in Blogs von Wissenschaftlern aus.

Diese Arbeit eines Berliner Orthopäden ist ein Beispiel für die völlige Entgleisung akademischer Qualitätsstandards", schreibt der Gesundheitswissenschaftler Joseph Kuhn auf scienceblogs.de. Schon ein kurzer Blick in die Ausführungen in der Masterarbeit hätte genügt, um eine Ballung von Unsinn zu entdecken.

Da ist von Zeitwellenmustern die Rede, in denen Informationen aus der Zukunft enthalten sein sollen, oder von einer Strahlung, die alle Lebewesen aussendeten, um so miteinander zu kommunizieren.

Bei Vorexperimenten habe ein Freund im Kozyrev-Spiegel Konflikte mit verstorben Familienmitgliedern gelöst, schreibt Conrad zudem. Ihm selbst habe der Spiegel das Gefühl vermittelt, er befinde sich in der Großen Pyramide von Gizeh.

"Die Frankfurter Masterarbeit ist einfach nur Nonsens", schimpft Kuhn. So etwas dürfe an einer Universität nicht durchgewinkt werden. Am Intrag "ist die Wissenschaft als Handwerk der Vernunft unter die Räder geraten".

Intrag-Leiter Harald Walach und der Juniorprofessor Stefan Schmidt, denen die Masterarbeit als Gutachter vorgelegt worden war, verteidigen diese in einem schriftlichen Statement.

Conrad habe mit "hohem Aufwand ein pfiffiges Experiment" realisiert und dabei das klassische wissenschaftliche Vorgehen gewählt, in dem eine Hypothese experimentell überprüft werde.

Conrad deponierte dazu Couverts, in denen sich Zettel mit Ziffern von 0 bis 9 befanden, in kleinen Kozyrev-Spiegeln. An diesen Alu-Dosen befanden sich Drähte, die Conrads Probanden in die Hände nahmen. Dann sollten diese versuchen, die Ziffern in den Umschlägen zu erraten. In Kontrollversuchen führten Drähte zu Imitat-Dosen.

In der Hälfte der Versuche wussten die Probanden, ob die Drähte mit dem echten Gerät verbunden waren oder nicht. Nur in diesem Fall errieten sie etwas häufiger als zu erwarten und statistisch signifikant die Zahlen. Das kann Zufall sein. Conrad wertet es als Beleg für die Wirksamkeit des Kozyrev-Spiegels.

Das Intrag steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. Vor zwei Jahren sollte die Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin - eine Geistheiler-Lobbygruppe - ein Lehrmodul an der Viadrina gestalten. Die Kooperation wurde später abgesagt. Unter den möglichen Dozenten war Hartmut Müller, der viele Jahre für sein Konzept des "Global Scaling" geworben hat.

Damit sei es möglich, per Gravitationswellen Informationen zu übertragen und sogar die Lottozahlen vorherzusagen. Im Januar wurde Müller vom Landgericht Dresden wegen Betrugs zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er mit seinen wissenschaftlich verbrämten Versprechungen Anleger um Millionen Euro geprellt habe. Die am Intrag abgesegnete Kozyrev-Spiegel-Masterarbeit beruft sich mehrfach auf Müllers Ideen.